Rund 1,6 Millionen Displaced Persons befinden sich am Ende des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der wiedererstandenen Republik Österreich: Verschleppte, Zwangsarbeitende, befreite Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und Holocaustüberlebende – unter ihnen Hunderttausende deutschsprachige Umsiedlerinnen und Umsiedler, Flüchtlinge und Vertriebene. Viele von ihnen finden in Österreich eine neue Heimat.
Historischer Abriss
Wurzeln in der Donaumonarchie
Diese Menschen stammen aus Regionen der einstigen Donaumonarchie – aus Gebieten, die heute in Tschechien, der Slowakei, Polen, Ungarn, der Ukraine, Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien liegen. Dort waren sie seit Jahrhunderten ansässig. Sie gründeten Städte, betrieben Handel, entwickelten Landwirtschaft, Handwerk oder Bergbau und wurden Teil einer vielfältigen und mehrsprachigen Gesellschaft.
Diese Vielfalt spiegelt sich in den politischen Institutionen der Donaumonarchie wider. Im Reichsrat in Wien und im ungarischen Reichstag in Budapest treffen Vertreter verschiedener Regionen, Sprachen und Konfessionen aufeinander. In Wien spielen deutschsprachige Abgeordnete eine bedeutende, zuweilen dominante Rolle. Gleichzeitig wird immer wieder versucht, zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen politische Ausgleiche herzustellen.
Österreich wird Republik
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs zerbricht diese Ordnung. Die Donaumonarchie geht unter, neue Nationalstaaten entstehen, so auch die Republik Österreich.
Millionen Menschen finden sich plötzlich in neuen Staaten wieder. Aus Österreicherinnen und Österreichern werden Altösterreicherinnen und Altösterreicher – also jene deutschsprachigen Menschen aus Regionen der ehemaligen Habsburgermonarchie, die nun außerhalb der Republik Österreich liegen. Zu ihnen zählen auch viele prägende Persönlichkeiten der jungen Republik wie etwa Staatskanzler Karl Renner oder die erste Präsidentin des Bundesrates Olga Rudel-Zeynek.
Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist von wirtschaftlicher Not und politischer Radikalisierung geprägt. In den 1930er-Jahren verschärfen sich die Konflikte. Autoritäre Strömungen zerstören die fragile Ordnung in Europa.
Der Nationalsozialismus und seine Folgen
Deutschsprachige Bevölkerungsgruppen in Ostmittel- und Südosteuropa werden nun zunehmend als "Volksdeutsche" bezeichnet. Deutschland, aber auch Österreich beanspruchen eine Schutzfunktion für die "Volksdeutschen" in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Donaumonarchie. Der Nichtangriffspakt zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion 1939 (Hitler-Stalin-Pakt) löst die Umsiedlung Hunderttausender Menschen aus. Auch viele deutschsprachige Altösterreicherinnen und Altösterreicher werden im Rahmen der nationalsozialistischen Politik "Heim ins Reich" geholt. Viele setzen ihre Hoffnung auf das NS-Regime, einige verstricken sich tief in die Verbrechen des Dritten Reichs und seiner Kollaborateure. Nach dem Zweiten Weltkrieg führt dies zu einer der größten Zwangsmigrationen der europäischen Geschichte. Millionen Deutschsprachige aus Ostmittel- und Südosteuropa werden zwischen 1944 und 1947 vertrieben oder zur Flucht gezwungen. Unter ihnen sind Täterinnen und Täter, Mitläuferinnen und Mitläufer, Schuldige und Unschuldige – vor allem aber sind es Frauen, Kinder und alte Menschen.
Für viele führt der Weg in das von den alliierten Siegermächten kontrollierte Österreich. Ihre Ankunft hier ist von Not und Unsicherheit geprägt. Viele verbringen ihre erste Zeit in überfüllten Flüchtlingslagern.
Teil der österreichischen Gesellschaft
Das Land liegt in Trümmern, Wohnraum und Lebensmittel sind knapp. Dennoch beginnt ein – zuerst zögerlicher, mit den Jahren jedoch gelingender – Integrationsprozess. Staatliche Maßnahmen, kommunale Initiativen und das Engagement vieler Menschen ermöglichen es, den heimatlos gewordenen Neuankömmlingen schrittweise Wohnraum, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe zu eröffnen.
Auch das Parlament diskutiert die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen, etwa Fragen der Staatsbürgerschaft, der sozialen Absicherung und der politischen Partizipation.
Über die Jahrzehnte hinweg werden die deutschsprachigen Altösterreicherinnen und Altösterreicher zu einem Teil der österreichischen Gesellschaft. Sie gründen Familien, Unternehmen und Vereine und beteiligen sich am Wiederaufbau des Landes. Ihre Geschichte erzählt von Flucht, Vertreibung und gelingender Integration, von Verlust und Neubeginn. Sie ist Teil der Geschichte Österreichs.