Bibliothek - Aktueller Tipp 23.06.2025

30 Jahre Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus

„Wir sind Schuldner dieser Menschen in einem ungeheuerlichen Ausmaß!“

Diese Feststellung des Abgeordneten Johannes Voggenhuber (Grüne) in seiner Rede in der Nationalratssitzung am 1. Juni 1995 war weder in den Jahrzehnten davor, noch in der zeitgenössischen Debatte allgemeiner Konsens, im Gegenteil: Die Auseinandersetzung (des offiziellen Österreich) mit den von Österreicher:innen begangenen Verbrechen im Nationalsozialismus war lange unzureichend. Die Erinnerungspolitik orientierte sich am Opfermythos, finanzielle Unterstützung für Überlebende des Holocaust und durch die NS-Herrschaft Geschädigte erfolgte spärlich und war bürokratisch aufwendig. Erst in den 1980er-Jahren – mit der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten 1986 – setzte eine breite gesellschaftliche Debatte über die Verantwortung und die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus ein. Ausdruck einer Übernahme dieser Verantwortung war besonders der durch das Nationalfondsgesetz beim Nationalrat eingerichtete Nationalfonds. Dieser sollte – etwa durch die "Gestezahlungen" – den Beitrag der Republik unterstreichen. Die Definition und Anerkennung der Opfer(-gruppen) wurde im Nationalfonds wesentlich offener gefasst als zuvor im Opferfürsorgegesetz von 1947 und seinen zahlreichen Novellierungen. In diesem sind etwa Homosexuelle nur teilweise, im Nationalsozialismus als "Asoziale" kategorisierte Personen und Euthanasieopfer gar nicht erfasst.

Ein langjähriges Projekt des Nationalfonds: Die am 4. Oktober 2021 neu eröffnete Länderausstellung "Entfernung – Österreich und Auschwitz" im Block 17 des ehemaligen Stammlagers des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

Die Debatte im Plenum 1995

In der Nationalratssitzung am 1. Juni 1995  war die Definition des Opferbegriffes einer der Streitpunkte. Besonders die FPÖ strebte eine Ausweitung des Begriffes an. Er solle, so Harald Ofner (FPÖ), auch auf die "indirekten Opfer" angewandt werden, auf die "Altösterreicher aus dem Gebiete des ehemaligen Österreich-Ungarn". Auch Jörg Haider (FPÖ) bezog "im Zuge der letzten Kriegstage in den südlichen Grenzregionen Österreichs verschleppte Österreicher" als indirekte Opfer des Nationalsozialismus mit ein. Klubobmann Peter Kostelka (SPÖ) betonte den symbolischen Wert des Nationalfonds als Akt des "Bekenntnisses der Mitschuld von Österreichern", während Andreas Khol (ÖVP) hiermit eine "langebewährte[…] Politik der Republik" fortgesetzt sah. Abgeordneter Johannes Voggenhuber (Grüne) sah im Fonds den "Versuch eines billigen Freikaufs". Heide Schmidt (LIF) verwies auf die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Diskussion, welches gesellschaftliche Umfeld die Verbrechen des Nationalsozialismus überhaupt ermöglicht hatte.

Seit 1995 wurden durch den Nationalfonds rund 30.000 "Gestezahlungen" in Höhe von je 5.087,10 Euro an überlebende Opfer des Nationalsozialismus geleistet. Auch durch andere Zahlungen, etwa aus dem Härteausgleichsfonds und im Rahmen der Mietrechtsentschädigung, konnten Opfer des Nationalsozialismus unterstützt werden. Knapp 2500 Projekte und Programme, die dem Grundgedanken des Fonds verpflichtet sind, konnten realisiert werden. Weitere Informationen zur aktuellen Arbeit, Projektförderungen sowie Publikationen finden sich auf der Seite des Nationalfonds, sowie der Homepage des österreichischen Parlaments.

Literaturempfehlungen

  • Meissner, Renate S., im Auftrag des Nationalfonds (Hg.) Erinnerungen: Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus: Band 8 : Flucht nach Palästina / Leben in Israel (Nationalfonds, Wien 2024) – Bestellen
  • Meissner, Renate S., im Auftrag des Nationalfonds (Hg.), Erinnerungen: Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus (Nationalfonds, Wien 2010 -) – Bestellen
  • Nationalfonds (Hg.), Jüdische Friedhöfe in Österreich: Wegweiser für den Besuch der jüdischen Friedhöfe in Österreich (Nationalfonds, Wien 2024) – Bestellen
  • Lessing, Hannah M., Rückgabe und Verwertung: Aspekte der Kunstrestitution in der Arbeit des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, in: Kirchmayr, Birgit und Schölnberger, Pia (Hg.), Restituiert (Czernin Verlag, Wien 2023) S. 104-199 – Bestellen
  • Meissner, Renate S., im Auftrag des Nationalfonds (Hg.), Geschichte persönlich vermittelt: Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus : Wissenswertes, Opfergruppen, Glossar, Buchreihe Vermittlung (Nationalfonds, Wien 2020) – Bestellen
  • Lessing, Hannah M., "Wiedergutmachung"? Das Unmögliche versuchen - Der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, in: Fischer, Heinz (Hg.), 100 Jahre Republik (Czernin Verlag, Wien 2018) S. 263-277 – Bestellen
  • Nationalfonds (Hg.), Österreichische Gedenkstätte 1978 - 2013: Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau (Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, Wien 2015) – Bestellen
  • Nationalfonds (Hg.), 20 Jahre Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus (Nationalfonds, Wien 2015) – Bestellen
  • Cornelius Lehnguth, Waldheim und die Folgen: der parteipolitische Umgang mit dem Nationalsozialismus in Österreich (Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013) – Bestellen
  • Pawlowsky, Verena, Wendelin, Harald (Hg.), Raub und Rückgabe: Österreich von 1938 bis heute (Mandelbaum-Verlag, Wien 2005/2006) – Bestellen
  • Nationalfonds (Hg.), Dankbriefe an den Nationalfonds (Nationalfonds, Wien 1997) – Bestellen