Die "langen" fünfziger Jahre
Der geflügelte Begriff des "langen 19. Jahrhunderts" (geprägt durch den Historiker Eric Hobsbawm) verleitete auch den österreichischen Politikwissenschaftler Robert Kriechbaumer dazu, mit der Regierungszeit unter Bundeskanzler Josef Klaus (1966-1970) die "langen" fünfziger Jahre in Österreich enden zu lassen. Unter den Vorzeichen der "Großen Beschleunigung" setzten auch in Österreich Entwicklungen ein, die sich unter den Schlagwörtern "Modernisierung", "Säkularisierung" und "gesellschaftliche Dynamisierung" zusammenfassen lassen. Was diesen Trends jedoch entgegenstand: der wahrgenommene und tatsächliche innenpolitische Stillstand, verkörpert durch die seit mehr als 15 Jahren wechselnd regierende Koalition aus SPÖ und ÖVP, manifestiert in der Logik politischer Einflusssphären im Rahmen des "Proporzsystems". Politische Einigungen zwischen den Akteuren und Akteurinnen wurden zunehmend schwieriger, nach der Wahl 1962 hatten die Koalitionsverhandlungen vier Monate gedauert, der "Fall Habsburg" ein Jahr darauf wurde bereits zu einer koalitionären Bewährungsprobe. Unter diesen Vorzeichen für die Nationalratswahl 1966 musste eine zukünftige Zusammenarbeit der Parteien fraglich erscheinen. Zusätzlich gab es sowohl innerhalb diverser Landesorganisationen der ÖVP, sowie innerhalb der SPÖ, verkörpert durch den ÖGB-Präsidenten Franz Olah, Kräfte, die Wege abseits einer "Großen Koalition" anstrebten.
Bundespräsident Franz Jonas (links) und Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP; rechts) am 9. März 1966.