Bibliothek - Aktueller Tipp 06.03.2026

Als die Zukunft (un)berechenbar wurde – Die Nationalratswahl 1966

Die "langen" fünfziger Jahre

Der geflügelte Begriff des "langen 19. Jahrhunderts" (geprägt durch den Historiker Eric Hobsbawm) verleitete auch den österreichischen Politikwissenschaftler Robert Kriechbaumer dazu, mit der Regierungszeit unter Bundeskanzler Josef Klaus (1966-1970) die "langen" fünfziger Jahre in Österreich enden zu lassen. Unter den Vorzeichen der "Großen Beschleunigung" setzten auch in Österreich Entwicklungen ein, die sich unter den Schlagwörtern "Modernisierung", "Säkularisierung" und "gesellschaftliche Dynamisierung" zusammenfassen lassen. Was diesen Trends jedoch entgegenstand: der wahrgenommene und tatsächliche innenpolitische Stillstand, verkörpert durch die seit mehr als 15 Jahren wechselnd regierende Koalition aus SPÖ und ÖVP, manifestiert in der Logik politischer Einflusssphären im Rahmen des "Proporzsystems". Politische Einigungen zwischen den Akteuren und Akteurinnen wurden zunehmend schwieriger, nach der Wahl 1962 hatten die Koalitionsverhandlungen vier Monate gedauert, der "Fall Habsburg" ein Jahr darauf wurde bereits zu einer koalitionären Bewährungsprobe. Unter diesen Vorzeichen für die Nationalratswahl 1966 musste eine zukünftige Zusammenarbeit der Parteien fraglich erscheinen. Zusätzlich gab es sowohl innerhalb diverser Landesorganisationen der ÖVP, sowie innerhalb der SPÖ, verkörpert durch den ÖGB-Präsidenten Franz Olah, Kräfte, die Wege abseits einer "Großen Koalition" anstrebten.

Bundespräsident Franz Jonas (links) und Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP; rechts) am 9. März 1966.

Medienpolitik unter den Vorzeichen der Massenkommunikation

Wie lässt sich freie, (partei)politisch unabhängige und qualitätsvolle Medienberichterstattung sicherstellen? Um Fragen wie diese ging es im Kern im ersten Volksbegehrens der 2. Republik. Fernsehen und Radio waren an den Interessen der Großparteien SPÖ und ÖVP orientiert, die hier – personell und inhaltlich – starken Einfluss ausübten. Gegen diese Einflussnahme und zur Sicherung einer aktuellen Qualitätsberichterstattung formierte sich 1964 ein großer Teil der unabhängigen österreichischen Presse. Zuerst mittels Sammlung von Protestunterschriften, dann durch Initiierung des Volksbegehrens. Zwischen 5. und 12. Oktober 1964 unterstützen 832.353 Menschen den hier formulierten Gesetzesentwurf. Nachdem die ÖVP Volksbegehren und Reform teilweise – auch taktisch begründet – stärker propagiert als die SPÖ, war hier ein Konflikt bereits angelegt. Auf politischer Ebene konnte man sich über die Jahre, etwa im Rundfunkunterausschuss, nicht auf eine gemeinsame Rundfunkreform einigen. Die medienpolitischen Voraussetzungen für eine mündige Zivilgesellschaft in einer Zeit der sich anbahnenden Massenkommunikation blieben vorerst ungeklärt.

Die Wahl und der "Zauberkasten"

ÖVP: 85 Mandate (48,35% der Stimmen), SPÖ: 74 Mandate (42,56% der Stimmen), FPÖ: 6 Mandate (5,35% der Stimmen), DFP-Liste Franz Olah: kein Mandat (3,28% der Stimmen) – so lautete das amtliche Wahlergebnis der Nationalratswahl vom 6. März 1966 bei der 4,531.885 gültige Stimmen abgegeben worden waren. Das erste mal nach 1945 hatte eine Partei – die ÖVP – dank ihrer Mandatsmehrheit im Nationalrat die Möglichkeit, eine Alleinregierung zu bilden. Die zweite Premiere in der (österreichischen) Politikgeschichte konnte das Publikum vor den Fernsehgeräten (die Zahl der Haushalte im Besitz eines Fernsehgerätes hatte sich von 200.000 im Jahr 1960 auf 1,4 Millionen im Jahr 1970 gesteigert) direkt verfolgen: Der Statistiker Gerhart Bruckmann prognostizierte, gestützt auf ein von ihm entwickeltes mathematisch-statistisches Modell, um etwa 20 Uhr die korrekte Verteilung der Mandate.

"Das hat damals eingeschlagen wie eine Bombe"…

So erinnert sich Bruckmann an die Wirkung, die diese Hochrechnung, die er nicht nur durchführte sondern auch moderierte, in der Öffentlichkeit gehabt hatte. Nüchterner titelte mit "Das Rechenzentrum hat sich bewährt" zwar die Ausgabe der Wiener Zeitung vom Wahlabend, fest steht jedoch: Als einer der ersten weltweit hatte Bruckmann ein Modell erfolgreich angewandt, bei dem Anhand von Teilresultaten das endgültige Ergebnis korrekt vorhergesagt werden konnte. Schon bei der niederösterreichischen Landtagswahl 1964 hatte er das Verfahren für sich privat erfolgreich getestet. Über den Computer- und IT-Konzern IBM, der damals interessiert gewesen war, "(seine) Computer einer breiteren Öffentlichkeit darzustellen", konnte man die computergestützte Wahlprognose dem ORF als Service anbieten. Gesendet wurde aus dem Rechenzentrum der Technischen Hochschule.

Nicht wenig Eindruck dürften auch die kleiderschrankgroßen Rechenmaschinen auf das Fernsehpublikum gemacht haben, mithilfe derer diese Mengen an Daten erst sinnvoll und effizient zusammengeführt und in ein Ergebnis verwandelt werden konnten. Auch sie hatten sich somit "bewährt". Gerhart Bruckmann verantwortete und präsentierte, bevor er 1986 für die ÖVP als Abgeordneter in den Nationalrat einzog, daraufhin für die nächsten zwanzig Jahre sämtliche Hochrechnungen des ORF.

Gerhart Bruckmann im Gespräch

Im Rahmen des Oral History Projektes "Erlebter Parlamentarismus" des österreichischen Parlaments reflektiert Gerhart Bruckmann unter anderem über seine Zeit als Abgeordneter, das "Shapley-Verfahren" und die Bedeutung von wissenschaftlicher Expertise in der Politik.

"Mit den Massenmedien und Computern leben"

Die ÖVP war nach der Nationalratswahl mit einer Mandatsmehrheit und damit der Möglichkeit zu einer Alleinregierung konfrontiert. Unter Bundeskanzler Josef Klaus nutzte man, obwohl man auch mit der SPÖ verhandelt hatte, diese Gelegenheit. Klaus und dessen Politik wird unterschiedlich begrifflich zu fassen versucht: es ist die Rede vom "aufgeklärten", beziehungsweise "modernen Konservativismus", einer "Politik der Sachlichkeit", bzw. von Klaus selbst als einem "konservativen Humanisten".

Dieser Charakterisierung entspricht einer der prominent dargestellten ("Aktion 20"), aber durchaus persönlich vertretenen Schwerpunkte von Klaus‘ Politik: einer Vernetzung von Wissenschaft und Politik. Vieles im Bereich der computerbasierten (Spitzen)technologie sammelte sich in den 1960er Jahren unter dem interdisziplinären und komplexen Begriff der Kybernetik. Eine maßgeblich auf Norbert Wiener zurückgehende Wissenschaft, die sich mit Fragen der Steuerung und Regelung von maschinellen Systemen sowie deren Informationsverarbeitung und im Weiteren mit Analogien zum Menschen und menschlichen Gesellschaften beschäftigte.

"Die Kybernetisierung der Menschheit…“

Erstaunlich ist, wie sehr Klaus, laut seinem politischen Resümee "Macht und Ohnmacht in Österreich" 1971 – ein Jahr nach dem Ende seiner Kanzlerschaft – sich an diesen Fragen praktisch und theoretisch interessiert zeigte. Praktisch ließ er sich 1968/69 von Prof. Heinz Zemanek an der Technischen Hochschule in Computerwissenschaften und Kybernetik unterrichten. Klaus plädierte dafür, die Herausforderungen und Gefahren der im Wandel befindlichen Massenmedien und ihre Auswirkungen auf die (Informations)Gesellschaft ernst zu nehmen. Zudem stelle er sich die Frage nach den Möglichkeiten "politischer Entscheidungsvorbereitung" vor dem Hintergrund stetig gesteigerter medialer Öffentlichkeit.

Was Klaus damals noch auf die Kybernetik bezogen wissen wollte, ließe sich 55 Jahre später, leicht abgewandelt auch im Hinblick auf die Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz ähnlich formulieren: "Die Kybernetisierung der Menschheit kommt mit Riesenschritten auf uns zu; Informationsbanken, Bildabtastzeitungen, Televisoren und andere Mittel werden die Kommunikationswege des Menschen in der Zukunft bestimmen. Bleiben wird, sich steigernd und mit der Potenzierung der Wirkungen, die Notwendigkeit, alle Macht zu humanisieren – auch durch Information."

Grundlegende Zukunftsfragen

Als wissenschaftlichem Generalisten war auch Gerhart Bruckmann die "Polarität zwischen kurzfristigem, eindimensionalem und längerfristigem, systemischem Denken", vor allem auch in der Politik, bewusst. Gerade im Umgang mit grundlegenden Zukunftsfragen – und damit jenem längerfristig-systemischem Denken verbunden – verfügt das Parlament seit 2017 über wertvolle Ressourcen. Durch Monitoringberichte und Studien im Bereich Foresight und Technikfolgenabschätzung erhält es im Rahmen einer Kooperation mit dem Institut für Technikfolgen-Abschätzung und dem Austrian Institute of Technology wesentliche Entscheidungshilfen. Auf die individuelle Ebene bezogen, hatte Bruckmann in einem Vorwort fordernd an Bürgerinnen und Bürger formuliert: "Die Frage, die wir uns alle stellen müssen, ist nicht, wie unsere Zukunft aussehen wird, sondern wie wir wollen, dass unsere Zukunft aussieht."

Literaturauswahl

  • August, Vincent, Technologisches Regieren: Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Foucault, Luhmann und die Kybernetik (transcript Verlag, Bielefeld 2021) – Online-Zugriff auf E-Book
  • Binder, Dieter A., Reform als Auftrag : Josef Klaus und Erhard Busek - Wegbereiter einer modernen Christdemokratie (edition mezzogiorno, Wien 2016) – Bestellen
  • Bruckmann, Gerhart, Sonnenkraft statt Atomenergie: der reale Ausweg aus der Energiekrise (Molden Verlag, Wien u.a., 1978) – Bestellen
  • Bruckmann, Gerhart (Hg.), Die Zukunft Österreichs: das Leben im Jahr 2019 (Orac Verlag, Wien 1984) – Bestellen
  • Die Transformation der österreichischen Gesellschaft und die Alleinregierung von Bundeskanzler Dr. Josef Klaus (Salzburg, IT-Verlag 1995) – Bestellen
  • Foster, Nick, Could should might don't: how we think about the future (MCD, Farrar, Straus and Giroux, New York 2025) – Bestellen
  • Klaus, Josef, Macht und Ohnmacht in Österreich: Konfrontationen und Versuche (Molden Verlag, Wien u.a. 1971) – Bestellen
  • Kriechbaumer, Robert, Die Ära Josef Klaus: Österreich in den "kurzen" sechziger Jahren (Böhlau Verlag, Wien u.a. 1999) – Bestellen
  • Lang, Eberhard, Staat und Kybernetik: Prolegomena zu einer Lehre vom Staat als Regelkreis (Pustet Verlag, Salzburg u.a. 1966) – Bestellen
  • Müller, Albert (Hg.), Geschichte der Kybernetik (Studienverlag, Wien u.a. 2008) – Bestellen oder Zugriff auf Volltext
  • Österreichischer Rundfunk (Hg.), 50 Jahre Rundfunk in Österreich (Residenz-Verlag, Salzburg 1977) – Bestellen
  • Wiener Norbert, Mensch und Menschmaschine: Kybernetik u. Gesellschaft (Metzner Verlag, Frankfurt a.M. 1972) – Bestellen