Fachinfos - Parlamentsforschung 06.07.2026

Emotionen und Vernunft am Tag der Parlamentsforschung 2026

Mit Verweis auf den Schwerpunkt "How do you feel about parliament? Analysing the role of reasoning, sensing and emotion in democracy" hatte die Parlamentsdirektion dazu aufgerufen, Beiträge für die ganztägige, englischsprachige Konferenz einzureichen. Diesem Aufruf waren so viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Expertinnen und Experten wie noch nie gefolgt. Dementsprechend vielseitig war das Programm. Beiträge aus unterschiedlichsten Disziplinen wurden im Rahmen interdisziplinärer Panels vorgestellt und gemeinsam diskutiert.

Neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nahmen Expertinnen und Experten der österreichischen sowie anderer Parlamentsverwaltungen, Angehörige von Parlamentsklubs, aber auch Interessierte aus diversen anderen Bereichen aus mehr als 15 Ländern an der Veranstaltung teil.

Die Veranstaltung wurde von Nationalratspräsident Walter Rosenkranz sowie dem Gastgeber, Parlamentsdirektor Harald Dossi, eröffnet. Dossi betonte, wie wichtig, aber auch herausfordernd es sei, das Zustandekommen faktenbasierter und evidenzinformierter Entscheidungsfindungen zu ermöglichen – ohne dabei Emotionen auszublenden. Beide Seiten hätten große Bedeutung für politische Prozesse, weswegen sich sowohl politische Akteure in Parlamenten als auch deren Verwaltungen intensiv damit auseinandersetzen müssten.

Im Folgenden wird ein Überblick über alle Programmpunkte gegeben (inkl. der Möglichkeit, die Präsentationen sowie weitere dazugehörige Dokumente herunterzuladen). Der inhaltliche Teil der Veranstaltung begann mit Keynote-Vorträgen von Vertreterinnen zweier unterschiedlicher Disziplinen.

Keynote von Ute Frevert: Parliament as an emotional space: Historical reflections

Die Historikerin Ute Frevert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, beschäftigte sich mit der Bedeutung von Parlamenten als emotionalem Raum auf unterschiedlichen Ebenen – als "political site", als "social site" und als "material site". So legte sie den Grundstein für die Analyse der Bedeutung von Emotionen in einer Demokratie aus historischer Perspektive.

Historikerin Ute Frevert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin

Keynote von Sabine Müller-Mall: Emotions in the mechanics of politics and law: Between parliamentary lawmaking and judicial judgment

Im zweiten Keynote-Vortrag beschäftigte sich die Rechtsphilosophin Sabine Müller-Mall (Goethe-Universität Frankfurt) mit der Frage, inwieweit Emotionen nicht nur gezügelt werden müssten, sondern auch notwendig seien, um bestehende Dynamiken der Beziehung zwischen Politik und Recht zu verändern.

Rechtsphilosophin Sabine Müller-Mall von der Goethe-Universität Frankfurt

In einer von Christoph Konrath (Parlamentsdirektion) moderierten Diskussion wurden von den beiden Vortragenden außerdem zentrale Herausforderungen für die Anerkennung und Integration von Emotionen in institutionalisierten Verhältnissen und Prozessen (etwa Bürgerinnen- und Bürgerbildung) skizziert.

Lektorierte und bearbeitete Transkripte beider Vorträge sowie der Diskussion finden Sie hier:

Day of Parliamentary Research 2026 – Keynote speech Frevert / PDF, 220 KB

Day of Parliamentary Research 2026 – Keynote speech Müller-Mall / PDF, 221 KB

Day of Parliamentary Research 2026 – Discussion of the Keynote Speakers / PDF, 211 KB

Panel I: Why does democracy need emotions?

Im ersten Panel wurde der grundlegenden Frage nachgegangen, ob und warum Demokratien überhaupt Emotionen benötigen um zu funktionieren. Amani Abuzahra (FH Kärnten) betonte, dass Emotionen unterschiedlich wahrgenommen und legitimiert werden können - je nachdem, wer sie artikuliert. Sie betonte zudem die Bedeutung von positiven Emotionen wie Hoffnung. Oliver Kannenberg (Institut für Parlamentarismusforschung IParl, Berlin) präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage, in der Wählerinnen und Wähler in Deutschland befragt wurden, ob sie sich mehr Konsensorientierung oder mehr Auseinandersetzung unter den Abgeordneten im Deutschen Bundestag wünschten. Giovanni Rizzoni aus dem Wissenschaftlichen Dienst der italienischen Camera dei Deputati bzw. der LUISS Universität in Rom betonte den emotionalen Wert von Parlamenten und zeigte unter anderem anhand von Beispielen der jüngeren Vergangenheit auf, wie Parlamente nicht nur der Einhegung von Emotionen dienen, sondern auch als Schauplatz und Katalysator von Gefühlen fungieren. Arno Böhler und Susanne Valerie Granzer (beide Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) stellten in ihrem Beitrag die körperliche Erfahrung parlamentarischer Debatten und Auseinandersetzungen in den Fokus und plädierten für die Umsetzung eines spinozistischen Denkmodells im Parlament.

Abuzahra: Emotions as privileges: On anger, hope, and democratic discourse / PDF, 750 KB

Bloquet, Schindler and Kannenberg: Can’t we just all get along? Preferences regarding consensus, conflict and violence among German citizens / PDF, 1 MB

Rizzoni: The sentimental value of parliaments: How to take care for it / PDF, 1 MB

Böhler and Granzer: The flavor of politics / PDF, 389 KB

Von links: Oliver Kannenberg, Anna Rathmair (Panel chair), Amani Abuzahra, Giovanni Rizzoni, Arno Böhler und Aron Buzogany (Discussant)

Panel II: How do we perceive differences in representation?

Im zweiten Panel stand die Frage im Mittelpunkt, wie unterschiedliche Formen politischer Repräsentation wahrgenommen und erlebt werden. Christian Ignorek (Institut für Parlamentarismusforschung IParl, Berlin) präsentierte erste Ergebnisse einer Befragung von Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Auf Basis der Studie argumentierte er, dass parlamentarische Repräsentation nicht allein von rationalen Überlegungen geprägt ist, sondern auch emotionale Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Viele Abgeordnete würden die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger an ihre Arbeit als sehr hoch wahrnehmen und darin eine Herausforderung für ihr repräsentatives Handeln sehen. Zoe Lefkofridi (Universität Salzburg) widmete sich der Frage, wie Bürgerinnen und Bürger ihre Repräsentation durch das österreichische Parlament wahrnehmen und welche Emotionen das Parlament hervorruft. Sie zeigte auf, dass positive Gefühle gegenüber dem Parlament insbesondere dann entstehen, wenn Menschen den Eindruck haben, dass ihre Anliegen und Interessen von der Politik aufgegriffen werden. Roland Trabe (Pädagogische Hochschule Wien) stellte erste Ergebnisse einer Evaluationsstudie zur Demokratiewerkstatt des österreichischen Parlaments vor und verdeutlichte, dass partizipative und erfahrungsorientierte Lernformate das demokratische Wissen und das Verständnis für die Bedeutung des Parlaments bei Kindern und Jugendlichen nachhaltig stärken können.

Ignorek and Kühne: How MPs understand representation: Reasoning, emotion, and responsiveness in the German Bundestag / PDF, 1 MB

Ceron, Gianna and Lefkofridi: Feeling under-represented? Intersectional differences in emotions toward the Austrian Parliament and (mis)perceived representation / PDF, 1 MB

Trabe: "Experiencing Democracy" – The effectiveness of participatory spaces (Demokratiewerkstatt) in fostering democratic competence among children and young people / PDF, 1 MB

Von links (am Podium): Zoe Lefkofridi, Julia Heiss (Panel chair), Christian Ignorek, Roland Trabe und Jakob-Moritz Eberl (Discussant)

Panel III: Evidence, rationality, knowledge and reasoning versus emotions?

Das dritte Panel diskutierte, wie die Bezugnahme auf Wissen und Expertise in demokratischen Debatten und in Parlamenten durch Emotionen geprägt wird, und welche Auswirkungen das auf Vertrauen in demokratische Prozesse hat. Floortje Moes (Erasmus Universität Rotterdam) zeigte am Beispiel der Debatten über COVID-19-Maßnahmen und den 5G-Mobilfunk in den Niederlanden, wie Vertrauen in Wissenschaft und Demokratie durch Affekte und Rollenzuschreibungen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer geprägt werden. Wenn Parlamente die Dynamiken wahrnehmen, die Konflikte über Glaubwürdigkeit, Erfahrungen und Expertise legen, können sie entscheidende Beiträge zur Verständigung in schwierigen Situationen leisten. Isabella Rebasso (Universität Wien) präsentierte anhand von Ländervergleichen, wie das Interesse an Politik durch Emotionen geprägt wird, und wie diese in der politischen Bildung so angesprochen werden können, dass sie Verständnis für und Vertrauen in komplexe Prozesse stärken können. Daniel Wiesner (Universität Wien) stellte die Zwischenergebnisse einer Studie vor, in der untersucht wird, wie Mitglieder des Nationalrates auf Wissenschaft und Expertise Bezug nehmen. Dabei zeigt sich, dass die Bezugnahme auf konkrete Studien und Personen klar dominiert und das Ziel hat, die eigenen Argumente zu stärken.

Moes: Trust beyond evidence: Affective dynamics at the science policy nexus / PDF, 1 MB

Rebasso: Disentangling the sophistication-emotion link: Political interest and confidence-in-knowledge, but not knowledge, drive emotional responses / PDF, 1 MB

Wiesner, Eberl and Lecheler: Performative reasoning: The strategic use of epistemic authority in parliamentary debates / PDF, 819 KB

Von links: Christoph Konrath (Panel chair), Floortje Moes, Isabella Rebasso, Daniel Wiesner und Zoe Lefkofridi (Discussant)

Panel IV: Why is it so difficult for institutions to deal with emotions?

Das vierte Panel näherte sich der Frage, wie Institutionen mit Emotionen umgehen und welche Auswirkungen sie auf die Gesetzgebung und politische Prozesse haben können. Martin Lackner (FH St. Pölten) präsentierte ein Modell, das darstellt, wie kollektive Entscheidungsfindung und Kontrolle an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und Demokratie aussehen könnte. Ittai Bar-Siman-Tov (Bar-Ilan Universität, Tel Aviv) zeigte anhand der Ergebnisse einer empirischen Studie, wie sich die Befürchtung einer gerichtlichen Überprüfung auf die parlamentarischen Debatten über Sammelgesetze auswirkt. Anna Khvorostiankina (Eurasia International University, Armenien) und Khrystyna Bidonko (Nationale Universität Kiew-Mohyla-Akademie) gaben einen Einblick in die Rolle "emotionalisierter Gesetzgebung" sowohl in Armenien als auch der Ukraine im jeweiligen parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren im Kontext der Europäischen Integration. Marie Zámečníková (Masaryk-Universität in Brünn) beleuchtete in ihrem Vortrag, wie parlamentarische Obstruktion in der tschechischen Abgeordnetenkammer durch Emotionalisierung und Anreize in den sozialen Medien neu geprägt wird.

Bachmann, Böhmer, Klausner and Lackner: Collective control of artificial intelligence: A social choice approach to democratic AI governance / PDF, 1 MB

Bar-Siman-Tov: Do legislators fear judicial invalidation of their legislation? An empirical study on how the anticipation of judicial review impacts legislative debates on omnibus legislation / PDF, 1 MB

Khvorostiankina and Bidonko: From emotion to norm: Expert scrutiny as a rationalising scrutiny mechanism in parliamentary lawmaking in the context of European integration (the cases of Ukraine and Armenia) / PDF, 2 MB

Zámečníková: From minority protection to performative conflict? Emotionalised obstruction and social-media incentives in the Czech Chamber of Deputies / PDF, 984 KB

Von links: Franziska Bereuter (Panel chair), Martin Lackner, Ittai Bar-Siman-Tov, Khrystyna Bidonko, Marie Zámečníková und Laurenz Ennser-Jedenastik (Discussant)

Teilnehmende diskutieren mit den Autoren der Poster

"Forschungsjahr im Parlament" – Präsentation von laufendem und neu ausgewähltem Projekt

Die seit vier Jahren existierende Initiative "Forschungsjahr im Parlament" wurde von der Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats, Susanne Janistyn-Novák, vorgestellt. Im Rahmen dieses Programmpunkts stellte Julia Rüdiger die vorläufigen Ergebnisse ihres laufenden Projekts "Resonance spaces of democracy: The changing architecture of parliament in the 21st century" vor. Der Bericht über die finalen Ergebnisse ist mit Ende des Jahres 2026 zu erwarten.

Die Präsentation zum Vortrag von Julia Rüdiger finden Sie hier:

Forschungsjahr im Parlament 2025: Rüdiger / PDF, 2 MB

Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, Susanne Janistyn-Novák

Danach verkündete Susanne Janistyn-Novák, welches Projekt 2026 vom wissenschaftlichen Beirat ausgewählt wurde. Da die Forscherin – die Politikwissenschaftlerin Ermela Gianna (Universität Salzburg) – nicht vor Ort sein konnte, wurden sie und ihr Projekt mit dem Titel "Alignment in Political Representation: Citizens and Representatives in the Austrian Parliament" per Video vorgestellt.

Videovorstellung der Politikwissenschaftlerin Ermela Gianna von der Universität Salzburg

Podiumsdiskussion

Im Anschluss diskutierten Olga Kosanović, Regisseurin, Autorin und Lehrende, Georg Renner, Journalist u. a. bei Datum, der Wiener Zeitung und Missing Link, sowie Maria Stopfner, Linguistin an der Universität Innsbruck und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des "Forschungsjahr im Parlament", zu der Frage "How can we make democracy feel good?". Moderiert wurde die Diskussion von Daniela Ingruber.

Einen Bericht über diese Diskussion (in englischer Sprache) finden Sie hier:

Day of Parliamentary Research 2026 – Report of the panel discussion / PDF, 204 KB

Von links: Daniela Ingruber, Olga Kosanović, Georg Renner und Maria Stopfner

Abschluss in der Säulenhalle

Zum Abschluss bestand die Möglichkeit, sich in der Säulenhalle direkt mit allen Teilnehmenden auszutauschen. Darüber hinaus präsentierte das Künstlerinnen-Duo MUELLER-DIVJAK Düfte, die speziell für die Installation "Democracy of the Senses" entwickelt und produziert wurden. Besucherinnen und Besucher konnten an diesen Düften riechen und darüber diskutieren, ob und wie Demokratie nicht nur intellektuell, sondern mit allen Sinnen wahrgenommen wird.

Teilnehmende riechen an den Gerüchen der Demokratie. Zweite von links: Jeanette Müller von MUELLER-DIVJAK.