Fachinfos - Fachdossiers 06.05.2026

Welche Rolle können Regionen bei der digitalen Transformation spielen?

Einleitung

Österreichische Regionen stehen vor vielfältigen Herausforderungen (siehe dazu u. a. das Fachdossier "Die Zukunft dezentraler Lebensräume"). Schon seit mehreren Jahren zeigen Analysen der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) (2021, 2025) oder der OECD (2025), dass Digitalisierung nicht nur eine technische, sondern vor allem auch eine gesellschaftliche und räumliche Gestaltungsaufgabe ist. Bereits 2023 hat der "Digital Austria Act" des Bundes die Zielvorstellung formuliert, dass Digitalisierung zur effizienteren Gestaltung von Verwaltung, Modernisierung von Infrastrukturen und Etablierung neuer Koordinationsformen genutzt werden soll. Damit sollen Herausforderungen wie demografischer Wandel, Folgen des Klimawandels oder wirtschaftliche Ungleichheiten bewältigt werden (Digital Austria Act 2023).

Das alles macht das Thema für die österreichischen Bundesländer politisch bedeutsam: Digitalisierung kann nur gelingen, wenn sie die unterschiedlichen Bedürfnisse von urbanen und ländlichen Räumen berücksichtigt – wobei sich innerhalb dieser Gebiete die infrastrukturellen Voraussetzungen und Bedürfnisse deutlich unterscheiden. Die Berücksichtigung dieser Diversität ist ein zentraler Erfolgsfaktor für nachhaltige Digitalisierungsprojekte (Salemink et al. 2025).

Das Fachdossier skizziert zunächst die räumlich unterschiedlichen Herausforderungen der österreichischen Regionen. Anschließend werden zentrale Handlungsfelder sowie Herausforderungen von Digitalisierungsprojekten dargestellt. Abschließend werden konkrete Beispiele aus Österreich präsentiert.

Unterschiedliche Ausgangslagen in Österreichs Regionen

Die ÖROK hat in ihrer Publikation "Räumliche Dimensionen der Digitalisierung" schon 2022 die größten Herausforderungen und Chancen österreichischer Regionen im Zusammenhang mit Digitalisierung nach Raumtypen zusammengefasst.

In urbanen Räumen weisen Städte als Ballungsräume wissensbasierter Dienstleistungen (z. B. Finanzdienstleistungen, IT, Forschung) hohe Homeoffice-Quoten auf. Niedrigere Wohnkosten in und gute Anbindungen an das städtische Umland können in weiterer Folge dazu führen, dass erweiterte Wohngebiete an Attraktivität gewinnen, während in Innenstädten Leerstände zunehmen. Die vermehrte Integration von Smart-City-Produkten und -Dienstleistungen kann zudem zu einem Phänomen führen, das in der kritischen Stadtforschung als "Plattform-Urbanismus" beschrieben wird (Bauriedl & Henk 2021). Dabei werden Versorgungsaufgaben über Online-Plattformen vermittelt, die oft von internationalen Technologiekonzernen betrieben werden. Durch die Messung mittels verschiedenster in der Stadt verteilter Sensoren können Daten zu Gebäuden, Umwelt oder Verkehr erhoben und analysiert werden. Die Stadt Wien stellt auf einer Urban Data Plattform Daten aus den Städten Lyon, München und Wien zur Verfügung. Dies birgt Chancen für Effizienzsteigerungen, aber auch Risiken wie Datenschutzprobleme, verminderte Partizipationsmöglichkeiten der betroffenen Bürgerinnen und Bürger (siehe z. B. Felt & Sepehr 2024) oder eine zunehmende Abhängigkeit von privaten Anbietern. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind gezielte Regulierung sowie die Stärkung regionaler Akteure und ihrer digitalen Kompetenzen notwendig (Holzinger 2022).

In ländlichen Regionen wird Digitalisierung seit längerem als möglicher Ansatzpunkt gesehen, um die Abwanderung junger Menschen in urbane Zentren und einen damit verbundenen "Teufelskreis" (OECD 2025, S. 7) zu durchbrechen. Durch den Wegzug werden Infrastrukturen wie öffentlicher Verkehr oder der Ausbau von Breitbandinternet vernachlässigt. Gleichzeitig werden Dienstleistungen wie medizinische Versorgung, Schulen oder Einzelhandel abgebaut. Investitionen fließen vermehrt in urbane Räume ab, was die Attraktivität ländlicher Regionen weiter senken und damit wirtschaftliche Resilienz sowie sozialen Zusammenhalt schwächen könnte. Laut OECD (2025) nimmt im Zuge dessen mittelfristig auch das demokratische Engagement der Bewohnerinnen und Bewohner ab, da das Vertrauen in öffentliche Institutionen sinkt. Ländliche Regionen können durch Digitalisierung jedoch entscheidende Impulse setzen: Online-Plattformen im Einzelhandel oder digitale Ehrenamtsnetzwerke (siehe hierzu Forschungsprojekte wie CERTIFIER, CIvolunteer oder VolunSphere) tragen zur Sicherung der Grundversorgung bei. Telemedizin oder E-Learning ermöglichen den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung auch in abgelegenen Gebieten, während digitale Arbeitsmodelle neue Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Allerdings sind die Anfangsinvestitionen für digitale Infrastruktur in diesen Regionen besonders hoch, was öffentliche Förderung und innovative Finanzierungsmodelle erfordert (ÖROK 2021).

Gleichzeitig können ländliche Tourismusregionen durch Digitalisierung neue Chancen nutzen: Digitale Tools zur Besucherinnen- bzw. Besucherlenkung etwa können helfen, den räumlichen Druck durch Menschenmassen auf die Bewohnerinnen und Bewohner zu senken und negative Auswirkungen durch Massentourismus auf die Umwelt zu verringern (siehe z. B. Pillmayer u. a. 2024).

Zentrale Handlungsfelder der transformativen Innovationspolitik

Vor diesem Hintergrund hat sich in den letzten Jahren die wissenschaftliche Debatte zur Digitalisierungs- und Innovationspolitik gewandelt. Lange Zeit wurde Innovationspolitik vorrangig auf nationaler oder supranationaler Ebene diskutiert. Mittlerweile wird jedoch der regionalen Ebene eine zentrale Rolle zugeschrieben (ÖROK 2025).

Regionen wurden in der Vergangenheit oft als Empfänger von Politikvorgaben betrachtet. Nationale Innovationspolitik war insbesondere von einer ökonomischen Agenda geprägt, die Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit in den Mittelpunkt stellte. Das Innovationsverständnis war dabei eng auf technologische Entwicklungen in Unternehmen ausgerichtet. Den Inhalten der Innovationen wurde unkritisch begegnet (ÖROK 2025). Heute wird zunehmend erkannt, dass Innovationsbemühungen auch das gesellschaftliche Umfeld miteinbeziehen müssen, um zur Lösung komplexer Probleme beizutragen. Die ÖROK empfiehlt daher, Veränderungen in Technologien, Infrastrukturen, Werten, Kultur, Politik, Produktion und Konsum gemeinsam zu betrachten. Dies schlägt sich in einer neuen Form der Innovationspolitik nieder, die als transformative Innovationspolitik bezeichnet wird. Mit diesem Paradigmenwechsel, der sich in der wissenschaftlichen Literatur bereits seit mehr als einem Jahrzehnt herausbildet und in den letzten Jahren auch vermehrt in der politischen Praxis Einzug hält, werden Akteure auf Regionalebene zu wichtigen Mitgestaltern von Innovationen (ÖROK 2025). So hielt auch Bundesratspräsident Markus Stotter am Tirolempfang anlässlich des Vorsitzes des Landes Tirol im Bundesrat fest: "Wenn wir über die Zukunft Österreichs sprechen, dann wissen wir auch, die Zukunft beginnt nicht in abstrakten Konzepten, sondern sie beginnt vor Ort, bei uns in den Gemeinden, […], in unseren Regionen, aber vor allem auch in unseren Bundesländern".

Ein zentrales Element dabei ist die Smart Cities-Initiative, die in Österreich durch den Klimafonds gefördert wird. Sie zielt darauf ab, digitale Lösungen partizipativ und bedarfsgerecht zu entwickeln. Ein weiteres wichtiges Netzwerk ist "Safe Democracy", das sich für einen sicheren, souveränen und vor allem partizipativen Zugang zu digitalen Technologien in Gemeinden einsetzt. Beide Ansätze betonen, dass Regionen eigenständige Gestalter sein können, die globale Herausforderungen in regionale Bedürfnisse übersetzen und konkrete Lösungen entwickeln. Um diese Rolle auszufüllen, müssen Regionen lokales Wissen und gewachsene Vertrauensstrukturen nutzen, persönlichen Austausch und partizipative Prozesse in den Mittelpunkt stellen und regionale Akteure (z. B. Unternehmen, Verwaltung, Zivilgesellschaft) in die Entwicklung einbinden (ÖROK 2025).

Herausforderungen bei der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten

Rein technologiegetriebene Ansätze können den vielfältigen Bedürfnissen der Regionen daher nicht gerecht werden. Vielmehr bergen sie das Risiko, durch fehlende Integration in bestehende Strukturen und einen verengten Fokus auf Effizienzsteigerung die individuellen Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner zu vernachlässigen. Nachhaltigen Digitalisierungsprojekten wird daher empfohlen, dass sie technische, soziale, institutionelle und räumliche Dimensionen erfassen. Dabei können digitale Tools die Ortsverbundenheit stärken – etwa durch soziale Vernetzung, Informationsvermittlung oder emotionale Bindung an Traditionen und Landschaften (Birnbaum u. a. 2021).

Ein zentraler Aspekt dabei ist die enge Zusammenarbeit zwischen verschiedenen politischen Ebenen – von der europäischen über die nationale bis hin zur regionalen und kommunalen Ebene. Dieser Ansatz der Multi-Level-Governance (MLG) betont, dass politische Entscheidungsprozesse in einem vernetzten System ablaufen, in dem Kompetenzen auf verschiedene Ebenen verteilt sind. Für ländliche Regionen bedeutet das, dass sie nicht nur Empfänger von Politikvorgaben sind, sondern aktiv in die Gestaltung digitaler Strategien eingebunden werden müssen, um ihre spezifischen Bedürfnisse und Potenziale einzubringen (ÖROK 2025). Wie (unterschiedlich) sich diese komplexen Zusammenhänge auf die Digitalisierung der Verwaltung auf lokaler Ebene auswirken können, zeigt eine aktuelle Studie von Kuhlmann u. a. (2026), die entsprechende Entwicklungen in Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich vergleichend analysiert.

Die Europäische Kommission fördert im Rahmen der Kohäsionspolitik "Smart Specialisation Strategies" (S. 3). Diese zielen darauf ab, ortsbezogene Innovationsstrategien zu entwickeln, sodass Regionen ihre spezifischen Stärken wie erneuerbare Energien, Tourismus oder Landwirtschaft verstärkt mit digitalen Technologien verknüpfen (Foray 2015). In Österreich wird das beispielsweise durch die FTI-Strategie 2030 aufgegriffen, die Forschung, Technologie und Innovation als zentrale Treiber für nachhaltiges Wachstum und regionale Resilienz sieht. Besonders betont wird darin die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Regionen, um Synergien zu nutzen und Doppelstrukturen zu vermeiden.

Erfolgreiche Digitalisierungsprojekte aus Österreichs Regionen

Im Gemeindepaket 2024 wurde ein eigener Zweckzuschuss des Bundes für Gemeinden zur Förderung des weiteren Ausbaus des digitalen Übergangs in der Höhe von 120 Mio. EUR beschlossen (siehe hierzu die Analyse des Budgetdienst). In weiterer Folge kam es mit dem Budgetbegleitgesetz 2025 bei den Kommunalinvestitionsgesetzen zu einer grundlegenden Änderung: Die ursprünglich als Zweckzuschüsse konzipierten Ausschüttungen wurden in eine Finanzzuweisung des Bundes an die Gemeinden umgewandelt (siehe hierzu die Analyse des Budgetdienst zum Budgetvollzug Jänner bis März 2025).

Wie eine Vielzahl an Digitalisierungsprojekten in Gemeinden, Städten und Bundesländern beweist, entwickelt sich parallel dazu die Landschaft der Digitalisierungsprojekte in Österreich stetig weiter. Die folgenden Beispiele zeigen, wie in den genannten Handlungsfeldern konkrete Lösungen entwickelt werden können.

Das Projekt "DigiGEMEINDE" in Niederösterreich zielte 2024 und 2025 darauf ab, die digitale Kompetenz in Gemeinden zu stärken und Verwaltungsprozesse zu digitalisieren. Durch Schulungen und Beratung zu digitalen Tools, wie z. B. dem Elektronischen Akt (ELAK), sollten Effizienzsteigerungen in der Verwaltung erreicht, bürgerinnen- bzw. bürgerfreundlichere Dienstleistungen angeboten und Kosten gesenkt werden.

Die Smart City Feldkirch in Vorarlberg fokussiert auf sechs ausgewählte Handlungsfelder, wie etwa Bildung oder Mobilität. Diese wurden in der Digitalisierungsstrategie vereinbart, die gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern entstanden ist. Neben einem Citizen Dashboard oder einer Digitalen Amtstafel werden beispielsweise Hackathons und Coding Camps für Kinder und Jugendliche veranstaltet und dadurch digitale Kompetenzen der Bevölkerung gestärkt sowie die Souveränität im Umgang mit Technologien gefördert. Dieser Ansatz verbindet Bildung mit ehrenamtlichem Engagement – etwa durch Einbindung lokaler Initiativen – und entspricht den Ergebnissen aktueller Studien, die zeigen, dass Regionen mit bestehenden digitalen Fähigkeiten neue Technologien leichter adoptieren und ihre Produktivität steigern können (Apostol & Hernández-Rodríguez 2025).

Ergänzend fördert das Bundeskanzleramt mit der Initiative "Digital Überall" österreichweit kostenlose Workshops, um die digitale Kompetenz der Bevölkerung zu stärken – etwa die Hälfte der beteiligten Gemeinden liegt in strukturell benachteiligten ländlichen Regionen (European Commission 2025).

Digitale Lösungen spielen auch im Tourismus eine immer größere Rolle, um Nachhaltigkeit und Lebensqualität in den Regionen zu sichern und die negativen Folgen von Massentourismus zu minimieren. Beispielsweise beobachtet der Tourismusverband Seefeld seit 2022 Besucherinnen- bzw. Besucheraufkommen in verschiedenen Regionen mittels anonymisierten Mobilfunkdaten. In Oberösterreich wurden im Projekt "Integriertes Mobilitäts- und Besucherlenkungsmanagement in der Region Pyhrn Priel" Besucherinnen- und Besucherfrequenzen am Gleinkersee gemessen, um einen möglichen Bedarf einer Busverbindung nach Windischgarsten zu identifizieren.

Die Stadt Linz bietet u. a. einen KI-gestützten Chatbot für Bürgerinnen und Bürger an und liefert mehrsprachige Antworten zu städtischen Leistungen. Die Stadtstrategie 2022 sieht einen digitalen Zwilling der Stadt vor, ein virtuelles Abbild der realen Stadt, das Echtzeitdaten aus verschiedenen Quellen wie Sensoren, Verkehrssystemen oder Infrastruktur integriert, um Planungsprozesse zu optimieren, Simulationen durchzuführen und datenbasierte Entscheidungen zu treffen (Stadt Linz 2022).

Quellenauswahl

  • Apostol, Stefan/Eduardo Hernández-Rodríguez (2025): Digitalisation in European regions: unravelling the impact of relatedness and complexity on digital technology adoption and productivity growth. Industry and Innovation 32 (7), S. 772–801.
  • Bauriedl, Sybille/Henk Wiechers (2021): Konturen eines Plattform-Urbanismus, sub\urban 9 (1/2), S. 93-114.
  • Birnbaum, Lisa/Carola Wilhelm/Tobias Chilla u. a. (2021): Place attachment and digitalisation in rural regions, Journal of Rural Studies 87, S. 189–198.
  • Bruck, Emilia M./Fidelia Gartner/Rudolf Scheuvens u. a. (2022): Räumliche Dimensionen der Digitalisierung.
  • Digital Austria Act / Digitale Dekade – österreichische Digitalstrategie (2024/25).
  • European Commission (Hrsg.) (2025): Digital Decade 2025. Country Reports. Austria. Accompanying the document: Communication from the Commission to the European Parliament, the Council and the Committee of the Regions. Brussels.
  • Felt, Ulrike/Pouya Sepehr (2024): Infrastructuring citizenry in Smart City Vienna: investigating participatory smartification between policy and practice, Journal of Responsible Innovation (11/1).
  • Foray, Dominique (2015): Smart Specialisation: Opportunities and Challenges for Regional Innovation Policy.
  • Holzinger, Eva (2022): Stadtentwicklung und Digitalisierung: Ein Glossar.
  • Kuhlmann, Sabine/Justine Marienfeldt/Frederico Ganz (2026): Governing the Local Digital Transformation: A European Comparative Perspective. Public Administration, S. 1–22.
  • OECD (2025): Shrinking Smartly and Sustainably: Strategies for Action, OECD Rural Studies.
  • ÖROK Österreichische Raumordnungskonferenz (2021): Welchen Herausforderungen müssen wir uns stellen?
  • ÖROK Österreichische Raumordnungskonferenz (2025): ÖROK-Projekt "Regionale Innovation & Transformation".
  • Pillmayer, Markus/Marion Karl/Marcus Hansen (Hrsg.) (2024): Tourism Destination Development.
  • Salemink, Koen/Leanne Townsend/Polly Chapman (2025): The remapping of rural digitalisation: A just-rural narrative review, Journal of Rural Studies 113, S. 103499.
  • Stadt Linz (Hrsg.) (2022): Linz realisiert Zukunft. Und macht Freude am Stadtleben. Linzer Stadtstrategie 2022.