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"Frau Minister" und eine Weltpremiere: Erste Republik bis 1970er-Jahre

Weltweit die allererste Frau an der Spitze einer parlamentarischen Körperschaft war Olga Rudel-Zeynek, als sie 1927 Bundesratspräsidentin wurde. Andere Pionierinnen der österreichischen Politik setzten in der Zweiten Republik Maßstäbe: Johanna Dohnal, Marga Hubinek, Franziska Fast und Grete Rehor, die erste "Frau Minister".

Unterpunkte anzeigen Die erste Frauenministerin: Johanna Dohnal

Österreichs berühmteste Frauenpolitikerin Johanna Dohnal war eine Institution - ähnlich wie die Journalistin und Autorin Alice Schwarzer in Deutschland. Ihr Name steht in Österreich wie kein anderer für Frauenpolitik und den Kampf um gleiche Rechte für Frauen und Männer.

Lediges Kind und Industriekauffrau

Dohnal (geborene Dietz) wuchs als "lediges Kind" bei ihrer Großmutter auf. Die Mutter hatte Tuberkulose, für höhere Schulbildung fehlte das Geld. Sie wurde Industriekauffrau in einer Fabrik. 1957 heiratete sie den Chauffeur Franz Dohnal und bekam zwei Kinder.

Der Ehemann kann seiner Frau den Arbeitsplatz kündigen

In dieser Zeit hatten Männer nicht nur gravierend mehr grundlegende Sicherheiten und Rechte als Frauen: Die (Ehe-)Frau war ihnen rechtlich untergeordnet. Männer konnten ihren Frauen den Arbeitsplatz kündigen; Frauen mussten dem Ehemann nachfolgen, wenn er in eine andere Stadt zog (andernfalls drohte die schuldige Scheidung und damit der Verlust aller Sicherheiten); Der Tatbestand "Vergewaltigung in der Ehe" existierte rechtlich nicht; Abtreibung war verboten.

Fristenlösung und erstes Frauenhaus

Der Kampf um die Legalisierung der Abtreibung, um die sogenannte "Fristenlösung", sensibilisierte Dohnal für Frauenangelegenheiten, wie sie einmal sagte. 1973 wurde sie Wiener Gemeinderätin, 1978 entstand auf Dohnals Initiative das erste Frauenhaus in Wien.

Erst Staatssekretärin, dann Ministerin

1979 wird sie Frauenstaatssekretärin in der Regierung Kreisky, 1990 macht Bundeskanzler Franz Vranitzky sie zur ersten Frauenministerin Österreichs. Dohnal kämpft für Chancengleichheit und eigene Pensionsansprüche für Frauen und engagiert sich in der Friedens-, Entwicklungs- und Bildungspolitik.

Reformen unter Dohnal

Vergewaltigung in der Ehe wird unter Strafe gestellt. 1989 wird die Amtsvormundschaft bei ledigen Müttern beseitigt. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wird erstmals Thema eines (Gleichbehandlungs-)Gesetzes. Väter können in Karenz gehen. 1993 kommt ein Gleichbehandlungsgesetz für den öffentlichen Dienst: an Schulen und Universitäten werden Frauenquoten eingeführt.

Konsequenz stößt auf Widerstand

Die Ministerin setzt sich auf allen Ebenen für gesetzliche Kinderbetreuung und Frauenquoten ein und stößt damit auf enormen Widerstand, auch in der eigenen Partei. 1995 wurde Dohnal auf Wunsch Kanzlers Franz Vranitzky abgelöst und zog sich aus der Politik zurück. Sie starb am 20.2.2010.

Wespenstiche in empfindlichste Teile

Johanna Dohnals Ziel war eine gerechte, friedliche Gesellschaft mit wirtschaftlich unabhängigen, gleichberechtigten Frauen. Bei der Umsetzung war sie sehr konkret: Sie setzte Wespenstiche in empfindlichste, durch Tabus geschützte Stellen einer Gesellschaft, die Männern stillschweigend mehr Sicherheiten und Rechte zubilligte als Frauen. Anecken gehörte da einfach dazu. Johanna Dohnal war die ganzen 16 Jahre ihrer Regierungsverantwortlichkeit mit zähem Widerstand konfrontiert.

Offene Forderungen

Viele von Dohnals Forderungen sind bis heute nicht verwirklicht: Die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern sind nach wie vor vorhanden. Und wo Frauen rein rechtlich gleichgestellt sind, stehen sie mitunter vor verborgenen Ungerechtigkeiten: wenn etwa die in Wahrheit gleiche Tätigkeit bei Mann und Frau nach verschiedenen Kollektivverträgen entlohnt wird.

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Unterpunkte anzeigen Die erste Volksanwältin: Franziska Fast

Sie war sozial enorm engagiert und steckte voller Energie: Franziska Fast kam 1925 als eines von vier Kindern eines Bauhilfsarbeiters zur Welt. Nach der Pflichtschule wurde sie Metallarbeiterin (angelernte Emailarbeiterin). Fast engagierte sich früh in der Gewerkschaft und war bald Betriebsratsobfrau. Später wurde sie Sekretärin der damals wichtigsten Gewerkschaft Metall-Bergbau-Energie.

Staatssekretärin bei Kreisky

Daneben war Franziska Fast in politischen Funktionen aktiv: erst als Bezirksrätin in Ottakring, später als Gemeinderätin und ab 1979 als Staatssekretärin für Soziales in der Regierung Kreisky.

Hilfe für sozial Schwache

1983 wurde sie für kurze Zeit in den Nationalrat gewählt (1. – 30. Juni 1983) und zur ersten Volksanwältin Österreichs bestellt. Fast blieb Volksanwältin bis 1989 und setzte sich vor allem für sozial Schwache ein. Als Vorsitzende der Wiener Volkshilfe bemühte sie sich ab 1991 besonders um hilfsbedürftige ältere Menschen und um alleinerziehende Mütter.

Ein Projekt gegen Obdachlosigkeit

Ein weitsichtiges Projekt Fasts war 1996 die Gründung einer Beratungsstelle für Menschen, denen der Verlust ihrer Wohnung droht: die Fachstelle für Wohnungssicherung konnte in vielen Fällen helfen, Obdachlosigkeit zu verhindern.

Franziska Fast starb 2003 in Wien.

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Unterpunkte anzeigen "Jessas, ein Weib": Marga Hubinek, erste Zweite Nationalratspräsidentin

Die allererste Frau im Präsidium des Nationalrats

"Jessas, ein Weib," soll Anton Benya ausgerufen haben, als er von Marga Hubineks Kandidatur erfuhr. Benya war Erster Nationalratspräsident, als Marga Hubinek 1986 zur Zweiten Nationalratspräsidentin gewählt wurde: und zur allerersten Frau im Präsidium des Nationalrats.

Marga Hubinek wurde am 20. Mai 1926 in Wien geboren. Nach ihrem Geschichtestudium war sie 36 Jahre lang Mitarbeiterin der Wiener Handelskammer und übernahm 1952 die Leitung des Fonds der Wiener Kaufmannschaft.

Jüngste Abgeordnete im Wiener Landtag

1959 wurde Dr. Marga Hubinek - nur wenige Tage nach der Geburt der ersten Tochter - als jüngste Abgeordnete im Wiener Landtag angelobt. Von 1959 bis 1970 war sie Mitglied des Wiener Gemeinderates und ÖVP-Abgeordnete zum Wiener Landtag.

Von 1970 bis 1990 gehörte sie dem Nationalrat an, wo sie zuerst Familien- und dann Umweltsprecherin der ÖVP war. Außerdem war sie Abgeordnete im Europarat. 1986 wurde sie als erste Frau in Österreich in das Präsidium des Nationalrates gewählt.

Arbeit an der Familien- und Strafrechtsreform

Marga Hubinek war wesentlich am Zustandekommen der Familien- und Strafrechtsreform beteiligt. Sie war Familiensprecherin ihrer Partei und später Umweltsprecherin.

Hubinek forderte bereits in den siebziger Jahren den wahlweisen Karenzurlaub für Mütter und Väter. Zum Entsetzen mancher ParteikollegInnen verlangte sie 1971 Rezeptfreiheit für empfängnisverhütende Pillen. Ihre wichtigsten Ziele: Diskriminierung der Frau am Arbeitsplatz abbauen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern.

Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg

Bei Frauenanliegen versuchte Hubinek oft, eine Achse mit Frauen anderer Parteien zu bilden. Diese Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg war auch Folge ihrer internationalen Erfahrungen in 18 Jahren Europarat.

Konflikte in der eigenen Partei

Hubinek kam öfter mit Wirtschaftsbund und Industriellenvereinigung in Konflikt, wenn sie die Interessen der Arbeitnehmerinnen vertrat. Ähnlich erging es ihr mit ihrem Engagement in Sachen Umwelt. Sie war von Anfang an Kernkraftgegnerin und stimmte - gegen die Parteilinie – gegen den Bau des Donaukraftwerks Hainburg ("Meine beiden Töchter sind damals in der Au gesessen. Ich hätte nicht anders abstimmen können.").

Sie lehnt ein Ministerium ab

Alois Mock bot ihr 1987 die Übernahme des Umwelt- und Familienministeriums an. Hubinek lehnte aus familiären Gründen ab. Ihr Mann war kurz zuvor gestorben. 1990 schied Marga Hubinek aus dem Nationalrat aus. Von 1976 bis 2006 war sie in ihrer Wohngemeinde Breitenfurt am westlichen Stadtrand von Wien Gemeinderätin und ÖVP-Klubobfrau. Sie ist ehrenamtliche Vorsitzende des WWF-Stiftungsrates.

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Literatur: Feigl, Susanne: Politikerinnen in Wien. 1848-2000. Biographien. Wien 2000. Eine Publikation des Frauenbüros der Stadt Wien (MA 57), 52.

Unterpunkte anzeigen Österreichs allererste "Frau Minister": Sozialministerin Grete Rehor

Das rote Wien hat die konservative "Schwarze Kommunistin" in besonderer Weise geehrt und einen prominenten Platz nach ihr benannt: 1996 wurde der Park zwischen Parlament und Justizministerium zum "Grete-Rehor-Park". Trotzdem war die tatkräftige Sozialpolitikerin in der Öffentlichkeit rasch vergessen, als sie 1987 starb. Frauenpolitik wird in Österreich eher mit der Sozialdemokratie assoziiert.

Mit 14 Jahren Textilarbeiterin

"Tu was" lautete Grete Rehors Lebensmotto, und damit begann sie selbst schon früh. Mit 14 arbeitet sie bereits für Schulgeld und Lebensunterhalt. Als Textilarbeiterin finanziert sie sich den Besuch der Handelsschule, nebenbei besucht sie sozialpolitische Abendkurse.

Gewerkschaft und Jugendbewegung

1927 beginnt Rehor (geborene Daurer) ihre Gewerkschaftsarbeit als Sekretärin im "Zentralverband der christlichen Textilarbeiter". 1928 ist sie die erste Frau im Jugendbeirat der Arbeiterkammer Wien. Sie leitet die Jugendbewegung "Junge Front im Arbeiterbund" - gemeinsam mit dem späteren Bundeskanzler Josef Klaus.

Der Vater fällt im Ersten Weltkrieg, der Ehemann im Zweiten

1935 heiratet sie den christlichen Gewerkschafter Karl Rehor. Das Glück ist von kurzer Dauer: 1938, kurz vor der Geburt der Tochter, wird Karl Rehor von den Nazis verhaftet und in das Massaker an der Ostfront geschickt. Er fällt bei Stalingrad. Ihren Vater hatte Rehor als 8-Jährige im Ersten Weltkrieg verloren.

Sie behauptet ihren Platz und wird 1966 Sozialministerin

In der Nachkriegszeit behauptete Grete Rehor ihren Platz in der Gewerkschaft in diversen Funktionen. Sie ist bereits an den ersten Lohn- und Tarifverhandlungen maßgeblich beteiligt und wird von beiden Sozialpartnern geschätzt.

Als die ÖVP 1966 die erste Alleinregierung der Zweiten Republik bildet, holt Bundeskanzler Klaus die ehemalige Kollegin aus der Jugendarbeit in die Regierung: erstmals wird in Österreich eine Frau auf einen Ministerposten berufen.

Die Leistungen der "Schwarzen Kommunistin"

Sozialministerin Grete Rehor leistete in ihren nur vier Jahren Amtszeit viel für die "kleinen Leute" und für die Frauen. Das Volk nannte sie dafür wohlwollend "Schwarze Kommunistin".

Die Anzahl der Teilzeitstellen wird erhöht, der Karenzgeldanspruch um ein Viertel angehoben, die Mutterschutzfrist auf mindestens zwölf Wochen erhöht, das Lebensmittelgesetz reformiert. Unter der Parole "Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit" kämpft Grete Rehor um die Angleichung der Gehälter von Männern und Frauen.

Grete Rehor macht den 8. Dezember zum Feiertag

Sie spendiert den Arbeitnehmern einen neuen Feiertag: "Maria Empfängnis", den 8. Dezember. Mehr als hundert Sozialgesetze traten in Kraft, darunter das Arbeitsmarktförderungsgesetz und das Hausbesorgergesetz.

Zu Hilfe kommt ihr die Wirtschaftswunderzeit: Unter Grete Rehor steigt das Sozialbudget um 66%, die reale Erhöhung der Pensionen beträgt 22% - ein Ausmaß, das nie mehr erreicht wurde. Mit der Wahlniederlage der ÖVP im Jahre 1970 verlor Rehor ihr Ministeramt. Sie legte auch ihr Nationalratsmandat zurück.

Hohe Auszeichnung – als allererste Frau

Danach ist sie bis ins hohe Alter aktiv im sozialen Bereich: Als Bundesfrauenreferentin des ÖAAB, Vizepräsidentin der ARGE (Dachorganisation für 61 Behindertenverbände), Obfrau der Jugendfreunde und in der Liga für Menschenrechte.

Neben anderen Ehrungen erhält Grete Rehor - als allererste Frau überhaupt - das "Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich".

Sie stirbt 1987 in Wien.

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Unterpunkte anzeigen Eine Frau "mit Raritätswert": Die erste Bundesratspräsidentin Olga Rudel-Zeynek

Weltweit die Erste

Olga Rudel-Zeynek war weltweit die allererste Frau an der Spitze einer parlamentarischen Körperschaft: Sie war die erste Präsidentin des österreichischen Bundesrats – und die einzige Frau, die dort im Lauf der ersten Republik den Vorsitz innehatte.

Journalistin und Schriftstellerin

Olga Rudel-Zeynek (geborene Zeynek) hatte überhaupt "Raritätswert", wie sie selber sagte, denn sie war unter den wenigen Frauen in der Politik eine der wenigen christlichsozialen. Rudel-Zeynek arbeitete auch als Journalistin und Schriftstellerin und war von 1920 bis 1927 Nationalratsabgeordnete. Danach übersiedelte sie in den Bundesrat, wo sie bis zu dessen Auflösung 1934 blieb und zwei Mal Präsidentin war: von 1.12.1927 bis 31.5.1928 und nochmals vom 1.6. bis 30.11.1932.

"Lex Rudel-Zeynek"

Ihr größter Erfolg war die so genannte "Lex Rudel Zeynek": ein Gesetz, das den Unterhaltsanspruch von Frauen gegenüber säumigen Vätern und Ehemännern sicherstellte.

Rudel-Zeyneks wichtigste politische Themen waren Verbesserungen im Ehe- und Familienrecht, die Besserstellung der Fürsorgerinnen, Regelung des Hebammenwesens, Hilfe für Kleinrentner, Alkoholverbot für Jugendliche und die Förderung der Mädchenbildung.

Sie starb 1948 an den Folgen eines Schlaganfalls.

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