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1. Februar 1918 - Der Aufstand der Matrosen von Cattaro

Ende Jänner war die große Streikbewegung zu einem Ende gekommen. Doch unter der Oberfläche gärte es weiter. Dies umso mehr, als die grundlegenden Missstände, die zum Ausbruch des Streiks geführt hatten, nicht behoben worden waren. Selbst in der Armee war die Verpflegung mehr als dürftig, und Parolen allein hielten die Moral nicht länger aufrecht.

Dies auch deshalb, weil es mit Räterussland plötzlich ein Modell gab, dessen Losungen weitaus sympathischer klangen als das ewig gleiche "pro patria mori" ("Sterben für das Vaterland"). So hatten bereits die Arbeiter des Marinearsenals in Pula gestreikt, was sich bis zum Flottenstützpunkt in Kotor (italienisch Cattaro) herumsprach.

Kaum Essen, nur Drill

Die dort stationierten Matrosen waren seit Längerem höchst unzufrieden. Sie erhielten kaum genug zu essen, wurden von ihren Offizieren drangsaliert und hatten seit Ewigkeiten keinen Urlaub mehr bekommen. Bitten oder gar Beschwerden wurden nicht behandelt, stattdessen musste exerziert werden, was für Schiffsbesatzungen auch in militärischer Hinsicht absurd erschien.

Am 1. Februar 1918 um 12 Uhr mittags eskalierte die Lage. Die Besatzung des Flaggschiffs Sankt Georg setzte handstreichartig die an Bord befindlichen Offiziere fest, hisste die rote Fahne und feuerte, wie drei Monate zuvor die Aurora in Petrograd (die das Signal zur Oktoberrevolution gegeben hatte), einen einzelnen Schuss ab. Das war das vereinbarte Zeichen. Alle rund 40 Schiffe der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine mit etwa 6.000 Mann Besatzung schlossen sich dem Aufstand an.

Das Fußvolk regiert sich selbst

Die Schiffsbesatzungen wählten nach dem Vorbild Räterusslands eigene Matrosenräte, unter denen der gebürtige Tscheche Franz Rasch (František Raš) eine wichtige Rolle einnahm. Unter seiner Anleitung erarbeitete man einen Forderungskatalog, welcher dem – auf der Sankt Georg festgesetzten – Oberbefehlshaber Konteradmiral Alexander Hansa unterbreitet wurde. Gleichzeitig sandte man ein Telegramm an Victor Adler mit der Bitte um Hilfe, dies in der Hoffnung, die Sozialdemokratie würde, über die Ereignisse in Kotor in Kenntnis gesetzt, die Jännerstreikbewegung wieder aufleben lassen. In diesem Lichte warteten die Besatzungen vorerst ab, wobei die gewählten Matrosenräte sogar einen regulären Dienstbetrieb organisierten und so eindrucksvoll unter Beweis stellten, dass sie den Offizieren in Effizienz keineswegs nachstanden.

Allerdings hatten sie genau diesen Offizieren gegenüber zu viel des Vertrauens entgegengebracht. Auf deren Ehrenwort hin durften sich die Offiziere an Bord frei bewegen, was mehrere von ihnen dazu nutzten, sich wieder ihrer jeweiligen Schiffe zu bemächtigen. Außerdem zeigte sich, dass Oberbefehlshaber Hansa in seiner Kajüte über einen Telegrafen verfügte, mit dem er die Armeestellen in Pula über die Entwicklung unterrichtete, sodass die kaiserliche Marine Entsatz schicken konnte. Bereits am 3. Februar befanden sich die aufständischen Matrosen dadurch rettungslos in der Defensive, da die Bucht nun durch regimetreue Schiffe blockiert war. Angesichts dessen kapitulierten mehrere Schiffsbesatzungen, sodass zuletzt nur noch die Sankt Georg und einige wenige weitere Schiffe die rote Flagge zeigten.

Ohne Gnade

Tatsächlich wurde der Aufstand noch am 3. Februar 1918 beendet. Was folgte, war ein erbarmungsloser Justizakt. Nicht weniger als 800 Matrosen – darunter sämtliche Mitglieder des Matrosenrates – wurden festgenommen. Der Kommandant des Kriegshafens verhängte einen Tag später, also am 4. Februar 1918, das Standrecht und ließ demgemäß 40 "Haupträdelsführer" vor ein Standgericht stellen, was selbst für die Justiz der Donaumonarchie eine Farce war, da dadurch wegen eines Vergehens verhandelt wurde, das zum Zeitpunkt der Ausrufung des Standrechts ja gar nicht mehr begangen worden war. Doch dazu passte gut, dass dem Verteidiger der Matrosen der Zutritt zum Verhandlungsort verwehrt wurde und dass zudem nur Zeugen der Anklage, nicht aber jene der Verteidigung gehört wurden. Vier Matrosen (František Raš, Anton Grabar, Jerko Šižgorić und Mate Brničević) wurden zum Tod verurteilt, die Mehrheit der übrigen Angeklagten einem eigenen Kriegsgericht überantwortet.

Zwar gelang es dem Anwalt der Matrosen, ein Gnadengesuch an den Kaiser zu schicken, in dem unter anderem auf die unfaire Prozessführung hingewiesen wurde, doch der Hof zog es vor, untätig zu bleiben, sodass die vier Verurteilten am 10. Februar 1918 hingerichtet wurden. Den übrigen Verhafteten wurde im September 1918 der Prozess gemacht, als die Monarchie schon an allen Ecken und Enden zusammenbrach. Daher kam es nicht mehr zu Schuldsprüchen, auch wenn die Prozesse gegen die revolutionären Matrosen offiziell nie eingestellt, sondern nur vertagt worden waren.

Nachwirkung

Auch wenn die Matrosen mit ihrem Aufstand gescheitert waren, so befeuerte die Kunde von ihrer Tat allerorten unzufriedene Teile der Bevölkerung. Vor allem in der kommenden Entwicklung spielte der Verweis auf den Aufstand der Matrosen von Cattaro in der politischen Debatte eine nicht unwesentliche Rolle. Es dauerte dann auch nicht lange, bis sich Kunst und Literatur des Themas annahmen.

So schrieb der kommunistische Dichter Bruno Frei (1897-1988) eine Novelle über den Aufstand, und 1930 folgte Friedrich Wolf (1888-1953) mit seinem auch heute noch gespielten Theaterstück "Die Matrosen von Cattaro", das streckenweise sogar zur Schullektüre gehörte. Franz Xaver Fleischhacker (1891-1976) veröffentlichte 1957 einen Roman namens "Cattaro", zwei Jahre zuvor hatte Eva Priester (1910-1982) eine Erzählung über die Ereignisse vorgelegt. Auch in den realsozialistischen Ländern DDR und ČSSR und in Jugoslawien wurde der Matrosenaufstand nicht nur wissenschaftlich, sondern auch literarisch und künstlerisch immer wieder bearbeitet. In Kotor selbst zeugt heute noch eine Gedenktafel von den damaligen Ereignissen.