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3. November 1918: Das Parlament wird beschlagnahmt

Während sich in Schönbrunn Kaiser Karl immer noch weigert, der Herrschaft zu entsagen, gehen die Abgeordneten der Provisorischen Nationalversammlung daran, Fakten zu schaffen.

Am 30. Oktober hatte die Provisorische Nationalversammlung in ihrer zweiten Sitzung wichtige Entscheidungen getroffen, doch formal existierte das neue „Deutschösterreich“ noch nicht. Die Länder, die von den Mandataren vertreten wurden, gehörten rechtlich nach wie vor dem Habsburgerreich an, und Kaiser Karl versuchte, etwa durch die Ernennung von János Hadik, einem Nachfahren des berühmten Andreas Hadik, der einst Berlin erobert hatte, zum neuen ungarischen Ministerpräsidenten, auch weiterhin Einfluss auf die Politik zu nehmen. Dass er aber bei seiner Kür den starken Mann in Budapest, Mihály Károlyi, übergangen hatte, beschleunigte den Zerfallsprozess nur: Károlyi bildete einen ungarischen Nationalausschuss, und Massendemonstrationen führten dazu, dass Hadik am 31. Oktober 1918 als Ministerpräsident auch schon wieder Geschichte war. Karl ernannte nun doch Károlyi, doch der wollte davon nichts mehr wissen und erklärte noch am selben Tag die Realunion mit Österreich für beendet. Kurz stand noch die Idee einer Personalunion im Raum, in der zwei unabhängige Staaten dasselbe Staatsoberhaupt besitzen sollten, doch die Österreicher richteten den Ungarn aus, sie legten auf eine solche Union keinen Wert und das „Personal“ könnten die Ungarn behalten.

Wenige Stunden später, am 31. Oktober 1918 gegen 19 Uhr, zogen die tags zuvor gewählten Mitglieder des deutschösterreichischen Staatsrates ins Parlamentsgebäude ein und tagten im dortigen Budgetsaal erstmals als Gremium. Nach neunstündiger Sitzung, also am 1. November 1918 um 4 Uhr Früh, trafen die Mitglieder der Regierung Renner mit dem kaiserlichen Ministerpräsidenten Lammasch zusammen, der ihnen um diese Stunde verkündete, er sei vom Kaiser ermächtigt worden, die Geschäfte seiner Regierung, so sie sich auf deutsches Siedlungsgebiet bezögen, in die Hände des deutschösterreichischen Staatsrates zu legen. So kam es tags darauf zu einer gemeinsamen Sitzung des kaiserlichen Ministerrates und der deutschösterreichischen Staatsregierung, in der vor allem die Übergabe der Amtsgeschäfte, der Gebäude, des Personals und dergleichen besprochen wurde. Das Präsidium des Staatsrates eilte gleich danach weiter nach Schönbrunn, wo es vom Kaiser nahezu händeringend gebeten wurde, einem sofortigen Waffenstillstand zuzustimmen. Karl Seitz sprach wohl für alle, als er kategorisch erklärte: „Der Faktor, der den Krieg begonnen hat, hat ihn auch zu beenden.“

Noch während der Kaiser mit den Abgeordneten disputierte, kam es in den kaiserlichen Ministerien zu einer Art Amtsübergabe auf Raten. Der kaiserliche Finanzminister Josef Redlich ließ etwa im Stadtpalais des Prinzen Eugen dem neuen Staatssekretär der Finanzen Otto Steinwender eine Zimmerflucht freiräumen, Der Kabinettsdirektor des Ministerpräsidenten Lammasch wurde von diesem selbst dem neuen Staatskanzler Renner „dienstzugeteilt“.

Die „Doppelherrschaft“ beschäftigte mittlerweile auch die Gerichte. Welche Gesetze, so lautete die Frage, waren noch in Geltung, welche mussten durch das Ende der Monarchie als derogiert angesehen werden? Vorerst einigte man sich auf eine typisch österreichische Vorgangsweise. Der (kaiserliche) Verfassungsgerichtshof entschied, vorläufig sollte die Einleitungsformel „Im Namen Seiner Majestät des Kaisers“ unterbleiben, ohne dass er sich zu einer Ersatzformel – etwa „Im Namen des Volkes“ – durchringen konnte.

In der Zwischenzeit requirierte der Staatsrat den Fuhrpark der kaiserlichen Regierung für seine Zwecke, was die Spitzenbeamten des kaiserlichen Außenministeriums frustrierte. So notierte Ludwig Windisch-Graetz: „Unsere Automobile und Chauffeure müssen dem deutsch-österreichischen Nationalrat zur Verfügung gestellt werden, es wird uns auch kein Benzin mehr gegeben. Wir sitzen im Ministerium wie Gefangene, von aller Welt abgeschnitten.“ Dass man auch zu Fuß gehen oder öffentliche Verkehrsmittel benützen kann, war dem Fürsten offenbar entgangen.

Am Morgen des 3. November 1918 hatten sich die deutschösterreichischen Staatsämter – die Bezeichnung Ministerium wurde vermieden, um den Bruch mit der alten Regierung zu verdeutlichen – weitgehend eingerichtet und konnten ihre Arbeit in vollem Umfang aufnehmen. Allerdings befand sich die Nationalversammlung immer noch im Zustand eines im Niederösterreichischen Landhaus geduldeten „Untermieters“. Diesen Umstand, so befand Karl Renner, galt es zu beenden. Er teilte dem kaiserlichen Ministerrat daher mit, dass er das Parlamentsgebäude für die Zwecke der deutschösterreichischen Regierung beschlagnahme. Tatsächlich sollten ab sofort die Sitzungen des deutschösterreichischen Staatsrates im ehemaligen Sitzungssaal des Herrenhauses stattfinden, während der Budgetsaal für Ausschuss- und sonstige Sitzungen in Verwendung genommen werden sollte.

Noch ehe also die Provisorische Nationalversammlung formell erstmals im Parlament tagte, war der Hansenbau von der Volksherrschaft in Besitz genommen worden.