In den frühen Morgenstunden des 16. Februars 1919 sperrt in Wien ein Wahllokal auf. Draußen ist es kalt, die Tiefsttemperaturen liegen bei minus neun Grad. In dicke Mäntel eingepackt stehen einige Menschen Schlange vor den Wahlkabinen. Was sofort ins Auge sticht: In der Schlange stehen nicht nur Männer. Denn heute findet die erste Wahl statt, an der Frauen gleichberechtigt teilnehmen können.
Der Wahltag am Sonntag, dem 16. Februar 1919 in Wien: Viele Männer und eine Frau stehen in der Schlange, um ihre Stimme abzugeben.
Wahlrecht für (fast) alle
Am 16. Februar 1919 – vor genau 106 Jahren - wurde in Deutschösterreich die Konstituierende Nationalversammlung gewählt. Das ist ein vollwertiges Parlament, dessen Hauptaufgabe der Entwurf der österreichischen Bundesverfassung ist.
Nach der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 dürfen bei dieser Wahl erstmals auch Frauen ihre Stimme abgeben – und zwar unabhängig davon, wie vermögend oder gebildet sie sind. Von der Wahl ausgeschlossen waren allerdings Prostituierte. Sie erhielten das Wahlrecht erst 1923.
Historischer Moment: Eine Frau schreitet in einem Wahllokal auf der Wieden zur Urne.
Frauen wählten überwiegend Christlich-Soziale
82,10 % aller wahlberechtigten Frauen gaben bei der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung ihre Stimme ab. Eine hohe Beteiligung. In manchen Bundesländern galt gar eine Wahlpflicht. Tirol und Vorarlberg führten sie aus der Sorge ein, dass insbesondere katholische Frauen zu Hause bleiben würden.
Es stellte sich heraus, dass diese Sorge unbegründet war. Obwohl sich die Sozialdemokratische Partei bereits länger für das Frauenwahlrecht ausgesprochen hatte, war es die Christlich-Soziale Partei, die am 16. Februar 1919 die meisten Frauen-Stimmen für sich gewinnen konnte.
Der Wahltag am Sonntag, dem 16. Februar 1919 in Wien: Sechs der weiblichen Abgeordneten der Sozialdemokratischen Partei bei der ersten Sitzung der Konstituierenden Nationalversammlung.