Fachinfos - Parlamentsforschung
05.07.2024
Das war der Tag der Parlamentsforschung 2024
Am 20. Juni 2024 fand der zweite Tag der Parlamentsforschung statt. Vertreter:innen aus Wissenschaft, parlamentarischer Praxis und Verwaltung tauschten sich miteinander aus.
Mehr als 150 Teilnehmer:innen und Gäste gingen gemeinsam der Frage nach, wie Performance von Parlamenten interpretiert werden kann und welche Herangehensweisen sich in Zeiten wandelnder Anforderungen an Politik und Forschung dazu eignen, sie zu untersuchen. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka betonte in seinen Eröffnungsworten die große Bedeutung der Wissenschaft für die Politik. Letztere sei im Sinne der Stabilität der Demokratie gefordert, wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen.
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka begrüßt die Gäste des diesjährigen Tag der Parlamentsforschung
Der Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik ergänzte diesen Vortrag mit einer Replik aus Sicht der quantitativen Forschung. Der Vortrag Emma Crewes zeige, wie wichtig es sei, in der eigenen wissenschaftlichen Praxis immer zu reflektieren, wie quantitative Daten entstanden seien: Als Beispiel führte er die Parlamentsdirektion und die parlamentarischen Materialien, die sie zur Verfügung stellt, an. In diesem Fall seien es die Mitarbeiter:innen dieser Institution, die die komplexe, einzigartige Interaktion der Menschen in der politischen Arena in sorgfältig aufbereitete, klar definierte Objekte und Kategorien bündeln. Um das Material, das für wissenschaftliche Forschung herangezogen wird, entsprechend verstehen und kontextualisieren zu können, plädierte daher auch Ennser-Jedenastik in seinem Vortrag für einen interdisziplinären Zugang in der Forschung.
Politikwissenschaftler Laurenz Ennser-Jedenastik
Von links: Emma Crewe, Christoph Konrath und Laurenz Ennser-Jedenastik
Panel I: How do parliaments strengthen and/or undermine democratic resilience?
In Panel I stand die Resilienz von Demokratie zur Diskussion. Stanislav Ivasyk (USAID RADA Next Generation Program, University of Kyiv-Mohyla Academy, Kiew) von der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament, stellte die Herausforderungen dar, mit denen Parlamente in Kriegszeiten konfrontiert sind. Cristina Leston-Bandeira (University of Leeds) legte die Rolle von Parlamenten zur Stärkung von Demokratie dar und betonte, wie wichtig es sei, dass Bürger:innen und ihre Anliegen gehört würden. Giovanni Rizzoni (Italian Chamber of Deputies Research Service, LUISS University of Rome) verglich Parlamente mit generativer künstlicher Intelligenz, denn sie produzierten durch Deliberation politische und intellektuelle Outputs, die am Ende oft anders aussehen, als man anfänglich annehmen hätte können. Sven T. Siefken (Hochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung, Berlin) führte durch die anschließende Diskussion.
Ivasyk: Wartime parliament in operation: Lessons learned from Ukrainian democracy / PDF, 1 MB
Leston-Bandeira: Parliaments’ role in strengthening democratic resilience / PDF, 1 MB
Rizzoni: Parliaments as an example of "generative artificial intelligence" / PDF, 441 KB
Von links: Anna Rathmair (Panel chair), Stanislav Ivasyk, Cristina Leston-Bandeira, Giovanni Rizzoni und Sven T. Siefken
Panel II: What do plenary debates tell us about power relations and democratic culture?
Von links: Katrin Praprotnik, Julia Heiss (Panel chair), Nada Ragheb, Teresa Hailer, Albert Erik Gruber und Karin Bischof
Panel III: New ways of understanding and supporting (pre-)parliamentary decision-making processes?
Dmitry Erokhin (International Institute for Applied System Analysis, IIASA) eröffnete das Panel III. Er gab Einblicke in ein Modell, mit dem maschinelles Lernen genutzt werden kann, um zu untersuchen, für welche Staaten gemeinsame Steuerabkommen sinnvoll wären. Katrin Praprotnik (Universität Graz) zeigte auf, wie wichtig die Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte von Wahlversprechen bei der Analyse von Wahlprogrammen ist. Im Anschluss präsentierte Sven T. Siefken (Hochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung, Berlin) ein interdisziplinäres Projekt, in dem angestrebt wird, den Gesetzgebungsprozess zu kartographieren. Cristina Leston-Bandeira (University of Leeds) führte durch die Diskussion.
Erokhin: Predicting tax treaty formation using machine learning / PDF, 996 KB
Praprotnik and Ennser-Jedenastik: Narratives of election pledges in Austria / PDF, 301 KB
Siefken and Kampe: Cartography of legislation: An interdisciplinary research project / PDF, 7 MB
Von links: Anna Rathmair (Panel chair), Dmitry Erokhin, Katrin Praprotnik, Sven T. Siefken und Cristina Leston-Bandeira
Panel IV: How do MPs navigate between various kinds of pressure (public, party, voters)?
In Panel IV fragte Nina Bianca Dohr (Andrássy Universität Budapest) danach, ob Parteien ihre politischen Positionen ändern, wenn sie mit entsprechendem Druck durch die Öffentlichkeit konfrontiert sind. Sie untersucht das speziell am Thema der Parteienfinanzierung. Marcelo Jenny (Universität Innsbruck) zeigte in seiner Präsentation auf, wie die Abwesenheit von Mandatar:innen bei Abstimmungen in Plenarsitzungen interpretiert werden kann und welche Gründe es dafür geben könnte. Danny Schindler (Institut für Parlamentarismusforschung, Berlin) fragte danach, in welchem Ausmaß und warum es in Deutschland häufig zu einem Fraktionswechsel in den Parlamenten (Bund sowie Bundesländer) kommt. Zum Abschluss präsentierte David Willumsen (Universität Innsbruck) seine Forschung darüber, wie über den geeigneten Standort für ein Parlament nachgedacht wird und was man aus diesen Diskussionen lernen kann. Christoph Konrath (Parlamentsdirektion) führte die Diskussion.
Dohr: Political changes of position under public pressure / PDF, 398 KB
Jenny and Habersack: Party cohesion, absences, and the scaling of MPs' ideological positions / PDF, 648 KB
Schindler: Parliamentary party switching in Germany / PDF, 1 MB
Willumsen: Explaining capital re-location decisions / PDF, 7 MB
Von links: Christoph Konrath, Julia Heiss (Panel chair), David Willumsen, Danny Schindler, Nina Bianca Dohr und Marcelo Jenny
"Forschungsjahr im Parlament" 2023 und 2024
Als weiterer Programmpunkt stand die Initiative der Parlamentsdirektion "Forschungsjahr im Parlament" im Mittelpunkt. Zu Beginn stellte Bianca Winkler (Universität Wien) die vorläufigen Ergebnisse ihres Projekts "Die Rezeption von Wissenschaftsdiskursen in der Debattenkultur des Parlaments" vor. Es war das erste Projekt, das im Rahmen der Initiative (2023) ausgewählt wurde. Dann präsentierte Parlamentsvizedirektorin Susanne Janistyn-Novák das Projekt, das 2024 vom wissenschaftlichen Beirat ausgewählt wurde. Der Forscher Josef Lolacher (University of Oxford) gab im Anschluss einen ersten Einblick in sein Forschungsvorhaben, das die Frage stellt: "Do parliamentarians listen to experts or ordinary citizens?"
Die Präsentationen der beiden Vorträge finden Sie hier:
Forschungsjahr im Parlament 2023: Winkler / PDF, 275 KB
Forschungsjahr im Parlament 2024: Lolacher / PDF, 1 MB
Parlamentsvizedirektorin Susanne Janistyn-Novák bei der Präsentation des ausgewählten Projekts für das "Forschungsjahr im Parlament" 2024
Podiumsdiskussion
Den Abschluss machten Emma Crewe, die Direktorin der Volksoper Lotte de Beer und der Experte für politische Kommunikation Thomas Hofer in einer Podiumsdiskussion, die vom Historiker und Autor Philipp Blom moderiert wurde. Sie gingen gemeinsam der Frage nach: "Why does performance matter? Different perspectives on performance and parliaments."
Einen Bericht über diese Diskussion (in englischer Sprache) finden Sie hier:
Day of Parliamentary Research 2024 – Report of the panel discussion / PDF, 213 KB
Von links: Thomas Hofer, Philipp Blom, Emma Crewe und Lotte de Beer