LETZTES UPDATE: 18.09.2018; 18:14
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Der Jännerstreik

Dreieinhalb Kriegsjahre nötigen der Bevölkerung alles ab. Familien bangen um ihre Söhne, ihre Väter, ihre nahen Verwandten, die an der Front sind. In den Geschäften gibt es kaum noch Nahrungsmittel, und diese sind so teuer und unerschwinglich, dass die Menschen hungern müssen. Die tägliche Arbeit wird immer mehr, und als die Regierung erneut die Preise anheben will, reißt der Bevölkerung der Geduldsfaden.

Kein Brot, nur Not

1918 geht der Weltkrieg in sein viertes Jahr, und die Ermüdungserscheinungen zeigen sich überall. Hatte die kriegerische Auseinandersetzung bereits 1914 zu spürbaren Verteuerungen und in weiterer Folge zu Engpässen bei Lebensmitteln geführt, so sind 1918 zahlreiche wichtige Konsumgüter schon lange gänzlich vom Markt verschwunden. Malzkaffee ersetzt den echten Kaffee und muss bald durch Eichelkaffee substituiert werden. Weißbrot und Gebäck verschwinden rasch aus den Regalen, 1918 ist dann auch normales Schwarzbrot Mangelware. Die Kornkammern der Monarchie liegen nahe den Frontlinien, weshalb Getreidelieferungen immer öfter ausbleiben. Billiger Roggen wird vermahlen, das so gebackene Brot schmeckt klebrig und feucht. Fleisch kennt die Bevölkerung nur noch aus den Erzählungen der Alten, und die ewig gleichen Aufforderungen der Regierung, eine letzte große Anstrengung sei noch nötig, damit der endgültige Sieg errungen sei, klingen nur noch hohl in den Ohren der darbenden Menschen.

Wie ein knappes Jahr zuvor im Russischen Reich sorgt auch in der Donaumonarchie eine unüberlegte Entscheidung der Regierung für den Funken, der das Pulverfass zum Explodieren bringt. Am 14. Januar 1918 wird den ArbeiterInnen der Wiener Neustädter Motorenwerke die Mehlration halbiert, woraufhin diese spontan einen Streik beginnen. Die Nachricht vom Widerstand der Wiener Neustädter Arbeiterschaft verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Monarchie, und bereits am Folgetag, dem 15. Januar, wird auch in der Steiermark, in Oberösterreich, in Wien und in den böhmischen Industrierevieren gestreikt. Binnen kürzester Zeit befinden sich 700.000 ArbeiterInnen im Ausstand.

Russisch lernen

Vor allem aber zeigt sich rasch, dass die unbefriedigende Ernährungssituation bei Weitem nicht mehr der einzige Streikgrund ist. Die Erfahrungen der Russischen Revolution werden von den Streikenden aufgegriffen, und so wählt man erstmals auch in Österreich Arbeiterräte. Zu den Forderungen der ArbeiterInnen zählen mithin nicht mehr nur bessere Nahrung und ansprechende Entlohnung, sondern auch ein sofortiger Friedensschluss. Diese Anliegen unterstreichen die Streikenden durch Protestmärsche, die in allen größeren Städten durchgeführt werden.

Die kaiserliche Regierung, vom Ablauf der Ereignisse überrascht, sieht sich in der Defensive und wendet sich an die Führung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, damit diese in dem Konflikt vermitteln möge.

Parteichef Victor Adler rät der Regierung dazu, sofort Nahrungsmittel in die Streikgebiete zu expedieren und eine Erklärung abzugeben, wonach die Regierung bereit sei, umgehend in Friedensverhandlungen mit den Kriegsgegnern einzutreten. Die ohnehin bereits in Aussicht genommenen Gespräche mit dem sowjetischen Außenminister Leo Trotzki in Brest-Litowsk scheinen ein hinlänglicher Beleg für diese Haltung zu sein. Tatsächlich erklären sich die Streikenden in eigenen Versammlungen, die am 20. Januar 1918 durchgeführt werden, dazu bereit, den Streik zu beenden.

Kurzsichtige Regierung

Allerdings erweist sich die Regierung als wenig weise. Kaum sind die Werktätigen an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, beginnen Einberufungen der Streikanführer an die Front, was die Stimmung neuerlich umschlagen lässt. In Judenburg und im ungarischen Pécs flammen die Unruhen wieder auf, wobei diesmal auch Truppenteile der Armee meutern. Am 22. Januar 1918 wird der Kriegshafen in Pula bestreikt, wenig später treten die ArbeiterInnen in den mährischen Kohlerevieren in den Ausstand. Einen letzten Höhepunkt des Widerstandes gegen die Fortführung des Krieges nimmt schließlich in Kotor Anfang Februar seinen Anfang.

In all diesen Fällen gelingt es der kaiserlichen Armee, durch die Anwendung massiver Gewalt und außerordentlicher Repression, noch einmal die Kontrolle über die Bevölkerung herzustellen, doch wird sich dieses harte Vorgehen als einer jener Gründe erweisen, die dafür sorgen, dass die Arbeiterschaft, aber auch die zahlreichen Nationalitäten des Vielvölkerreiches ihr Vertrauen in die Habsburger endgültig verlieren.