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21. Oktober 1918: Die Provisorische Nationalversammlung konstituiert sich

Nach vier Jahren ermüdendem Stellungskrieg gerieten die Mittelmächte ab September 1918 markant in die Defensive. Die einzelnen Nationen der Donaumonarchie schickten sich an, ihre eigenen Staaten zu schaffen, sodass auch die Vertreter Österreichs über die Zukunft ihres Landes nachdenken mussten.

Der September 1918 war reich an schlechten Nachrichten für die Mittelmächte gewesen. Am 15. jenes Monats war es den Ententekräften gelungen, die bulgarischen Stellungen an der Makedonienfront zu überrennen, was zum Zusammenbruch der bulgarischen Armee führte. Vier Tage später besiegte General Allenby die osmanischen Truppen am Kriegsschauplatz im Nahen Osten, woraufhin sich auch das Reich des Sultans dem Kollaps nahe sah. Die Bulgaren verkündeten ihre Bereitschaft zur Kapitulation und trafen wenige Tage später in Thessaloniki zu Waffenstillstandsverhandlungen ein. In Sofia waren die Stunden von Zar Ferdinand gezählt. Er musste die Verantwortung für die Niederlage übernehmen und seinen Thron seinem Sohn Boris überlassen. Und am selben Tag erhielt das Deutsche Reich eine neue Regierung, in welcher erstmals die großen Parteien des Reichstags bestimmenden Einfluss erhielten. Kein Wunder also, dass auch in Wien der Druck auf das Kaiserhaus täglich, ja fast stündlich wuchs.

Das kaiserliche Völkermanifest ...

Am 16. Oktober reagierte Karl. Er erließ das Manifest „An meine Völker“, in dem er einen Umbau der Doppelmonarchie in eine Art loser Föderation souveräner Nationen andachte. Wenn der Hof jedoch gehofft haben mochte, den Zerfall des Reiches damit hintanhalten zu können, sah er sich umfassend enttäuscht. Die einzelnen Völkerschaften gingen daran, ihre eigenen Nationalräte zu bilden, und ließen Karl dabei wissen, dass sie keine Absicht hätten, länger im Verband der österreichisch-ungarischen Monarchie zu verbleiben, womit die Prophezeiung der „Neuen Freien Presse“, wonach ein „Bundesstaat aus Völkern, die sich meistens gegenseitig nicht ausstehen können“, nicht leicht zu gründen sein werde, umgehend erfüllt wurde.

Angesichts der Tatsache, dass sich Tschechen, Slowaken, Polen, Slowenen und Kroaten, aber auch Ruthenen und Rumänen anschickten, eigene Staats­gebilde zu formen, ergriffen einige Tage später auch die Reichsrats­abgeordneten deutscher Muttersprache die Initiative. Am 21. Oktober 1918 versammelten sich 208 Mandatare im Nieder­öster­reich­ischen Landhaus, um dort die Provisorische Nationalversammlung zu bilden.

Dabei hatte freilich noch niemand eine genaue Vorstellung, welche Form ein neues „Deutschösterreich“ haben sollte. Mandatare aus Niederösterreich, der Steiermark oder Kärnten saßen neben Abgeordneten aus Böhmen, Mähren und Schlesien und neben Vertretern aus der Krain, der Untersteiermark oder aus Trient. Selbst führende Repräsentanten der Nationalversammlung wie Otto Glöckel, Josef Redlich oder Ferdinand Hanusch vertraten Wahlkreise, auf welche der tschechoslowakische Nationalrat Anspruch erhob.

… findet kein Echo mehr

Die Idee eines Staatenbundes übernahmen die versammelten Politiker nicht, vielmehr beschloss die Versammlung, sich als Provisorische National­versammlung für Deutschösterreich zu betrachten, mithin also als Nukleus eines neuen Staates, der aus den Trümmern des Habsburgerreiches gleich der Tschecho­slowakei, Polen, Ungarn oder dem Staat der Slowenen, Kroaten und Serben (SHS) entstehen sollte. Als Staatsgebiet wurden dabei alle Teile der Monarchie in Anspruch genommen, in denen Menschen deutscher Muttersprache in nennens­werter Zahl lebten, also neben den späteren Bundes­ländern der Republik eben auch die sogenannten Sudetenlande, einige Sprach­inseln in Böhmen und Mähren, Südtirol und einige Gebiete Sloweniens.

Die 208 Repräsentanten wählten aus ihrer Mitte drei gleich­berechtigte Präsidenten. Franz Dinghofer vertrat dabei die 106 Mandatare deutschnationaler Gruppen, Jodok Fink die 65 christlichsozialen und Karl Seitz die 37 sozial­demo­kratischen Abgeordneten. Letzterer nutzte die Gelegenheit zu einem grundsätzlichen Statement: „Wir legen heute den Grundstein für ein neues Deutschösterreich. Dieses neue Deutschösterreich wird errichtet werden nach dem Willen des deutschen Volkes.“ Zu diesem Zeitpunkt ließen weder Deutsch­nationale noch Sozial­demokraten einen Zweifel daran, dass sie die Zukunft des neu zu schaffenden Gemein­wesens in einem Verband mit dem Deutschen Reich sahen. „Österreich“ galt ihnen als Haus Habsburg, weshalb sie den Ausdruck hinkünftig gänzlich zu vermeiden trachteten. Lediglich den Christlichsozialen war an der weiteren Verwendung dieser Bezeichnung gelegen.

 

Die Wählerschaft soll entscheiden

Als Demokraten legten die Christlichsozialen die endgültige Klärung dieser Frage jedoch in die Hände der Wählerinnen und Wähler, zu welchem Zweck sie die Wahl einer „Konstituierenden Nationalversammlung“ für den Februar 1919 ankündigten, bei der  erstmals auch Frauen wahlberechtigt sein sollten. Außerdem war die Bildung eines Vollzugs­ausschusses in Aussicht genommen, der zum frühest­möglichen Zeitpunkt die Regierungsgeschäfte für das neue Gemeinwesen übernehmen sollte.

Schien es also in all der düsteren Stimmung Grund zu Optimismus zu geben, so konnte nicht übersehen werden, dass sich zur selben Zeit auch die anderen Volksgruppen der „cisleithanischen Reichshälfte“ organisierten. Bereits drei Tage nach der Sitzung im Niederösterreichischen Landhaus erklärten die Vertreter Galiziens im Reichsrat, dass eine weitere Mitwirkung ihrerseits an den Staatsgeschäften in Wien nicht mehr ziel­führend sei. Die sozialdemokratischen Politiker Ignacy Daszyński und Andreas Moraczewski schickten sich an, eine polnische Regierung zu bilden, während weitere vier Tage später Karel Kramář (gleich Daszyński und Moraczewski Reichsratsabgeordneter) die „Tschechoslowakische Republik“ proklamierte. Wieder einen Tag später verständigten sich kroatische, serbische und slowenische Politiker unter der Führung des Reichsratsabgeordneten Anton Korošec auf die Bildung des „Staates der Slowenen, Kroaten und Serben“, der am 1. Dezember 1918 zum „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (man achte auf die Reihenfolge) werden sollte. Am letzten Oktobertag erklärte das Königreich Ungarn die Realunion mit Österreich für beendet – kein Wunder also, dass die Provisorische National­versammlung Schritte unternahm, aus den österreichischen Gebieten ebenfalls ein Staatswesen zu formen.